Milena M. Flasars bemühtes Buch Ich nannte ihn Krawatte

Japan

Bild: pixabay.com/jungminleee

Milena Flasar hat ein erschütterndes Problem in der japanischen Gesellschaft in ein künstliches geschriebenes Buch gepackt. Es ist mir zu glatt. Und zu kunstvoll. Schade …

Etwas zu kunstvolles Buch

Ich muss zugeben: Mit diesem Buch tue ich mir schwer. Das liegt vielleicht daran, dass es mir ein wenig zu artifiziell scheint. Die Sprache der jungen Autorin Flasar ist über jeden Zweifel erhaben. Sie ist schön, treffend, hoch künstlerisch. Sie trifft ihre Objekte, sie beschreibt in kleinen Zirkeln, oft leicht und schwerelos, was zu beschreiben ist; dann wieder mit zupackender wie graziler Brutalität das Fremdsein in der westlichen Gesellschaft.

Flasars Sprache trifft uns

Und die Sprache trifft uns – weil sie uns packt, und wir merken: Hier geht es um Existenzielles. Es geht um das seelische Verwildern, das Fremdsein in einer Gesellschaft, die immer nur Leistung fordert, aber immer weniger gibt.
Da ist ein modernes Thema. Und Flasar hat es atemberaubend schön beschrieben.
Und doch: Irgendetwas stört mich. Die Sprache ist zu schön. Zu literarisch, zu gewählt, zu gepflegt, zu trainiert, zu poliert, zu schillernd, arg mit Kernseife gewaschen, brav auf Richtung gebürstet.
Sie ist zu künstlerisch. Und an manchen Stellen zu künstlich.
Vielleicht versagt hier, bei diesem Stoff, die Selbstverliebtheit in die eigene Sprache.

Flasars Thema trifft uns ins Mark

Dabei ist es ein Thema, das uns ins Mark trifft. Das ist ein ungeheurer Entwurf: Ein junger Mann, ein Hikikomori, wie sie in Japan heißen, also einer, der sich freiwillig im Haus seiner Eltern vergräbt und sich Jahre lang dem Leben verweigert, kommt aus einer Höhle, aus seiner Isolation ins Leben heraus. Er erobert sich, immer kurz vor dem Zusammenbruch, in den ihn der Flügelschlag einer Taube treiben kann, eine Parkbank. Und dort trifft er plötzlich Krawatte. Den zwar angepassten Büroangestellten – der aber genauso leer, ausgebrannt, in sich verschüttet und  eigentlich ein Hikikomori ist. Zumindest ein innerer.
Und allmählich tasten sich die beiden aneinander heran, geben ein Stück von ihrem jeweiligen Leben her, erzählen sich dem anderen, in Worten, in Gesten, in Blicken. Bis sie beide verändert sind.
Das ist eine ganz vorzügliche und großartige Geschichte. Eine, bei der ich heulen könnte, so schön ist sie. So zerbrechlich, so bedroht.

Krawatte ist eine außergewöhnliche Parabel

Das ist eine außergewöhnliche Parabel auf unsere Gesellschaft. Und auch, wie Flasar das Auftauchen des Hikikomori aus seiner Isolation schildert, seine Bedrohtheit, seine Verletzlichkeit, seine Ängste, die an die eines Zwangskranken erinnern – das ist absolut klasse.
Wenn nur diese etwas zu glattpolierte Sprache nicht wäre. Sie hat manchmal etwas Larvenhaftes in ihrer sterilen Schönheit.
Aber vielleicht braucht diese Geschichte genau das. Jeder etwas derbere, flapsigere Ton würde ihre feinen Fäden vielleicht zerreißen.
Also, lasse ich das Gemecker sein, gebe zu, das ich es möglicherweise nicht ganz verstehe. Dass ich nunmal kein zartes Geschöpf bin, nicht Tochter einer japanische Mutter und eines österreichischen Vaters (wie Milena Michiko Flasar) und dass ich mal wieder das Wichtigste nicht kapiert habe – wie toll doch zarte Seelen die zarten Fäden ihrer Sprache spinnen. Kann ich halt nicht …
Und am Ende stimme ich in die Lobesfanfaren ein: Ja, das ist ein fantastisches Buch! Auch, wenn das alles eher wie ein Stillleben auf einer Bühne aussieht; diesen kleinen Schlanker erlaube ich mir noch, ganz am Schluss.

Milena Michiko Flasar, Ich nannte ihn Krawatte, Quartbuch. 2012144 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag
16,90 € ISBN 9783803132413.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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