Judith Fallers berührender Gedichtband Wachstumsschmerzen

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Bild: pixabay.com/Ben Kerckx

Wachsen tut weh – das verdeutlicht uns Judith Fallers Lyrik eindrucksvoll.
Wachstumsschmerzen nennt Judith Faller ihren Gedichtband.
Besser könnte man diese Sammlung gar nicht nennen. Wachsen tut nämlich verdammt weh. Lernen ist zum großen Teil Leiden. Deswegen ertragen viele von uns Menschen lieber sterbenslangweilige Lebenssituationen, machen das Vertraute lieber bis zum Tod mit, all die Ödnis des Alltags, kaputte Liebesbeziehungen, ungeliebte Arbeitsbedingungen, als einen Schritt herauszuwagen. Das Unbekannte macht uns Angst. Die Verheißungen, dass Veränderung nicht nur das anstrengende Bewältigen von Hürden bedeutet, sondern ein lebenswertes Nachher (raus aus dem Grau, rein in die Freude), schlagen wir in den Wind. Lieber den alten Mist weitermachen, kein Risiko eingehen.

So hoffen wir, ein anderer möge für uns die Mühsal der Veränderung erledigen
Die Autorin zeigt das in ihrer Lyrik. Gleich in ihrer Ouvertüre des Buches mit dem ersten Gedicht: abhängig, aus dem ich die 2. Strophe zitiere:

hängend an der zerbrechlichsten astspitze
den zufall eines windstosses erhoffend
welcher dem unsicheren gleichgewicht
ein gewollt-ungewollt ende bereitet
die äussere unbeeinflussbare naturgewalt
der inneren entsprechend
der passivität entgegenkommend
eigene entscheidung weggeschoben
abgeschoben
abhängig von fremder einwirkung auf die seele
abnahme der selbstverantwortung

Doch das wird nicht geschehen.
Nur jeder für sich selbst kann Veränderung schaffen.

Weisheit, jedoch nicht mit Löffeln gefressen
Niemals wird die Autorin aufdringlich, stellt nur in den Raum, was sie zu sagen hat. Und das tut sie mit blutvoller Empathie, zugleich mit Eleganz. Die Schärfe der Beobachtung menschlicher Abgründe schmerzt häufig; ich nehme Judith Faller ab, was sie schreibt. Ich vermute, vieles hat eigenen Erfahrungsgrund, anderes ist aus der Reibung mit den Mitmenschen entstanden durch Erkenntnisse aus ihrem Beruf. Faller legt ganz schön den Finger, manchmal die Faust, auf die Wunde der Ungeliebten, Verletzten, Verzweifelten, von denen wir alle ein Stück in uns wahrnehmen können.

Herzöffnend

Zwischen diesen harten, klugen Gedichten entdeckt man aber auch Texte der Zärtlichkeit und Liebe, die sich wie Regenbogen ausbreiten, die Leser ein wenig zur Ruhe kommen lassen und schlichtweg Trost und Glück spenden. Wie zum Beispiel dieses hier:

du

es schwingt ein duft
in deiner stimme
aus deinen händen
singt das meer
es sprechen farben
aus deinen haaren
das leben wird voller
mehr und mehr

aus deiner mitte springt ein tanzen
ein lachen im grossen jetzt
deine augen berühren tiefe
auf mitternachtsblauem grund
und füllen sich deine arme
mit bündeln des sternenlichts
so treffen deine wünsche
durch die stille mich

ich fühl die brücke
zwischen uns beben
von eisfeurigen wassern
leis brausend begrüsst
ich spür den himmel
zur erde sich neigen
der sonne glanz
in ihrem schoss

ich lausch den worten deiner seele
mit meinem herzen weich –
wie sanfter abendwind
auf lichtschein spielend
in meinen augen grüner see –
du kannst die schmetterlingsfrau erkennen
gebettet in des lichtes meer

Die Schluchten verlassen
Und doch! In dem fast körperlichen Schmerz, an dem die Autorin die Leser teilhaben lässt, finden sich Lösungen. Es heißt: Im Problem/Konflikt verbirgt sich auch die Lösung desselben. Steh auf! Klettere aus der Schlucht raus, auch wenn du dir dabei die Hände aufschneidest, denn du hast wie jedes Lebewesen ein Recht auf Lebendigkeit und Freude. Das rufen bei mir die Gedichte Fallers hervor. Wachse an deinem Problem, überwinde es. Dann wird es ein Danach geben:

danach

die wut hat sich in die büsche geschlagen
der zorn unter das gestein
ruhe ist eingekehrt
und freude am sein

— Elsa Rieger —

Judith Faller, Wachstumsschmerzen, Wiesenburg Verlag, 16,80 € ISBN: 3943528022 Gebundene Ausgabe.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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