Ercolano

Wie schnell doch das Leben verweht. Eben noch fühlen wir uns sicher. Und dann? Fragen wir den Lavamann.

Foto: pixabay.com/Darlac

Bin ich schön? Ich bin schön, gib es zu. Dein Gesicht zuckt, meine Schönheit raubt dir den Verstand. Mein nackter Schädels, mein verklärtes Grinsen, meine zerbrechliche Haut. Ich habe versucht, den Tod zu betören. Doch er setzte sich mit weichem Arsch auf mein Gesicht; und erstickte mich, genüsslich die Arschbacken wiegend.

Die Masse Mensch

Hier liege ich nun, vor dir. Du hast dich an mich herangepirscht, hast dich durch die Masse Mensch geschoben, die sich, wie jede Stunde, jeden Tag, an meinem Glaskasten reibt, um einen Blick auf mich zu erhaschen, den Lavamann. Die Lavaleiche. Den Mann mit der grausamen Kruste. Du hattest die Kamera schon halb erhoben, um mich abzulichten, für eine weitere, kleine Ewigkeit. Doch jetzt stockt dein Atem. Das liebe ich an euch. Für einen kleinen Augenblick bist du nackter als ich, während dich die Masse um dich herum bedrängt, schwitzt, ausatmet, aus den Jacken riecht; für einen Herzschlag bist du eins mit mir, meinem Leben, meinem Tod, der Ewigkeit. Und der Magie unserer Seelen.

Die Magie unserer Seelen

Hier liege ich, klein, verhutzelt, mein Gesicht ist starr geworden, als der Aschenregen mich erstickte. Mein Schädel ist nackt. Er ist kälter, als du denkst – innen wie außen. Doch es gibt Trost: Schau dir meine Gelenke an, hier bricht der Mensch durch die graue Lava.

Jetzt sind deine Augen klein geworden, du ziehst die Kamera die letzten Zentimeter nach oben, mechanisch, drückst den Auslöser. Es blitzt. Scheußlich, dieses Blitzlicht – aber was will ich machen?

Lust zu leben

Geh. Lass mich hier liegen, in Herculaneum. Es war eine Lust zu leben, vom Meer her wehte uns die Ewigkeit an, der Wein rann zärtlich durch unsere Adern, das Fleisch unserer Frauen war weich und warm.

Geh. Es ist eine Lust, tot zu sein. Hier zu liegen und zu warten, bis sich meine Schönheit in euren Verstand brennt.

Ich bin Stein geworden, als mein Berg hustete. Das ist lange her. Das war gestern. Und dein Berg, hustet er schon?

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....
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