Ercolano – Frage der Lavaleiche

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Bild: pixabay.com/nelson gonçalves

Bin ich schön? Gib zu, ich bin schön. Dein Gesicht zuckt, wenn du mich siehst. Das ist immer so, das verstehe ich. Aber wenn das Gewitter deines Entsetzens über dein Gesicht explodiert ist, wenn deine Augen es längst begriffen haben, während dein Hirn noch arbeitet, dann kommt der Moment, in dem du meine Schönheit zu lieben beginnst. Die Schönheit meines nackten Schädels, meines erstarrten Grinsens; so, als wolle ich dem Tod noch die Zähne zeigen, während er sich schon mit seinem weichen Arsch auf mein Gesicht setzt und mich, genüsslich mit seinen Arschbacken hin und her rollend, erstickt.

Die Masse Mensch – in Ercolano

Da liege ich, vor dir. Du hast dich an mich herangedrängt, hast dich durch die Masse Mensch geschoben, die sich, wie jede Stunde, jeden Tag, an meinen Glaskasten schiebt, um einen Blick auf mich zu erhaschen. Auf die Lavaleiche. Auf den Mann mit der grausamen Kruste. Du hattest die Kamera schon halb erhoben, um mich abzulichten, für eine weitere, kleine Ewigkeit. Dir stockt der Atem. Das liebe ich an euch. Für einen kleinen Augenblick bist du nackter als ich, während dich die Masse um dich herum bedrängt, schwitzt, ausatmet, aus den Jacken riecht, für einen Herzschlag bist du eins mit mir, meinem Leben, meinem Tod, der Ewigkeit. Und der Magie unserer Seelen.

Mein Gesicht ist starr geworden

Hier liege ich, klein, verhutzelt, mein Gesicht ist starr geworden, als der Aschenregen mich erstickte,  mein Schädel ist nackt. Er ist kälter, als du denkst – innen wie außen. Doch es gibt Trost: Schau dir meine Gelenke an, hier bricht der Mensch durch die graue Lava.

Jetzt sind deine Augen klein geworden, du ziehst die Kamera die letzten Zentimeter nach oben, mechanisch, drückst den Auslöser. Es blitzt. Scheußlich, dieses Blitzlicht – aber was will ich machen?

Geh. Lass mich hier liegen in Herculaneum. Es war eine Lust zu leben, vom Meer her wehte uns die Ewigkeit an, der Wein rann zärtlich durch unsere Adern, das Fleisch unserer Frauen war weich und warm.

Geh. Es ist eine Lust, tot zu sein. Hier zu liegen und zu warten, bis ihr meine Schönheit erkennt.

Ich bin Stein geworden, als mein Berg atmete. Das ist lange her, das war gestern. Und dein Berg, atmet er schon?

Xaver Leonhard Lichtblau

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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