Elsa Rieger, Wo ich nicht bin, ist das Glück

In ihrer melancholischen Geschichte erzählt Elsa Rieger von verborgenen Wünschen, die plötzlich mit Macht ihren Weg brechen …

Auf der Suche nach dem Glück

Es ist eine traurige Geschichte wie tausend andere auch: Vera lebt nicht das Leben, das sie möchte. Und das sie verdient. Sie hat das Gefühl: Das Glück ist immer gerade da, wo sie nicht ist.
Aber Frauen sind ja geduldig: So erträgt Vera das Leben mit ihrem versoffenen Ehemann Rudi, schluckt runter, steckt ein. Wir wissen ja: Erst muss der Druck so groß werden, dass wir ihn nicht mehr ertragen, dann ändern wir erst die Umstände.
Und wie groß der Druck ist, merkt Vera erst an diesem einen, diesem besonderen Tag. Da geht sie in die Stadt –  und trifft ihn. Den Roma. Den Teufelsgeiger. Er verzaubert sie mit ihrer Musik, sie lässt sich mitreißen von diesem Feuer, dem Klang, dem Rhythmus, der kaum gezügelten Wildheit. Plötzlich reißt ihr Leben entzwei, so, als teilte ein Riss den alten, muffigen Mantel, der alles viel zu lange zudeckte.

Vera spürt die Erstarrung

Vera fühlt auf einmal ihre Erstarrung, spürt aber, dass da noch mehr ist, dass Leben etwas anderes ist als fast erstarrt neben einem lieblosen Mann herzuleben. Das alles schenkt ihr der Roma mit seiner Musik in der Fußgängerzone.
Seine Töne sind Verheißung, seine glutäugige Art, das Feuer in seiner Aura sind es auch. Und so treibt es Vera unvermittelt aus ihrem muffigen Leben heraus. Sie nimmt sich anderntags ein Herz, lädt den Musikanten zu sich nach Hause ein, als Geburtstags-Überraschung für ihren Mann.
Doch eigentlich ist der Roma ja ihr Geschenk an sich. Er ist ihre Hoffnung.

Ihr Mann beleidigt den Geiger

Kein Wunder, dass ihr Mann nicht besonders darauf abfährt, am Ende den Musiker noch beleidigt. Sie fährt den Geiger zurück in die Stadt. Und jetzt hat sie die Gelegenheit, ihr Leben endlich zu ändern … zumindest glaubt sie das.

Aber ihr Traum zerplatzt

Als sie wieder zu Hause ist, und die Verzweiflung sie übermannen will, erkennt sie auf einmal glasklar: Nicht die Umstände oder die anderen sind es, die sie gefangen halten – sie selbst hält sich gefangen. Und die Umstände (oder besser: andere Personen wie der Roma) sind nicht das Rezept für ihr Glück. Der Schlüssel für ein glückliches Leben liegt nur in ihr.
An dieser Stelle bricht die Erzählung ab.

Die richtige Entscheidung

Doch wir sind uns sicher: Vera wird die richtige Entscheidung treffen. Sie wird ihr Leben in die Hand nehmen und endlich ihr Selbst leben. Und dann heißt es nicht mehr: Wo ich nicht bin, ist das Glück. Sondern: Ich sitze mittendrin in meinem Glück. Denn ich verdiene es so.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

4 Kommentare:

  1. Eine schöne Geschichte mit einer weisen Moral, der man nur zustimmen kann. Jeder von uns hat sein Glück selbst in der Hand.

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