Wie lebt sich’s in der Fremde? Drei spannende Bücher im Avlos Verlag

Ausländer schreiben

Bild: pixabay.com/Gabi

So verschieden sie sind, so berühren doch Dimitrova, Yesilyurt und Vennemann uns Leser auf ganz besondere Art. Ihre Bücher sind  wichtig.

Ein Scheitern mit Würde

Von manchen Schmerzen bleiben nur Narben zurück; wir wundern uns, dass die Wunde schließlich doch zuheilte, die Narben sind unser Menetekel. Und manchmal gewinnen wir die Narben richtig lieb – sie sind sichtbares Zeichen für unsere Tapferkeit. Sie erinnern uns an die Kämpfe, die wir durchstanden. Vielleicht nicht als Sieger, aber immer noch lebendig.

In den Gedichten hat sie gelebt

Vieles, was für Narben gilt, gilt auch für Gedichte – insoweit ist der Titel prachtvoll gewählt. Gedichte als Narben. Ein schöner Vergleich. Eine Metapher für die Verletzlichkeit und dafür, dass nach einer Verletzung nichts mehr so ist, wie es war. Wir verändern uns mit jeder von ihnen. Blaga Dimitrova hat mit ihren Gedichten gelebt, hat ihren Atem geatmet. Und gleichzeitig hat sie mit ihnen gelacht und geweint. Wie echt die Gefühle der Dichterin sind, spüren wir Leser in jedem Gedicht der letzten 40 Jahre. Die Sprache der Dichterin ist einfach und schön. Direkt und geheimnisvoll zugleich. Ihre Bilder haben Kraft.

Ein Scheitern mit Würde

Dass Blaga Dimitrova es nicht nur bei Worten beließ, zeigt ihre Karriere im demokratischen Bulgarien: Nach dem politischen Tauwetter war sie für eine kurze Zeit Vizepräsidentin. Doch sie trat zurück, weil sie merkte: Meine Wahrheit finde ich nicht in der Politik. Es war ein Scheitern mit Würde. Ihre Gedanken zum Schreiben in der Diktatur und in der Demokratie (in der viele Worte ihren Sinn verloren) hat sie in zwei Essays niedergelegt. Bislang hat das kaum jemand so trefflich ausgedrückt wie Blaga Dimitrova.

Zwischen den Fronten

Mete Izgi hat ein wichtiges Buch geschrieben: Wir erfahren vom Leid der kurdischen Menschen in der Türkei. Das Buch erzählt die Geschichte des Dorfes Yesilyurt. Sein Name bedeutet, ins Deutsche übersetzt, „Grüne Heimat“. Das Dorf ist alles andere als grün und eine Heimat kann es auch nicht sein. Es liegt im Kriegsgebiet. Doch auch wenn das Leben dort ungemütlich ist, und die Bewohner die Armut riechen können – Yesilyurt, das Dorf am Fuße des Berges Ararat, ist alles, was sie haben. Die Armut ist noch nicht das Schlimmste, die Kurden haben sich an sie gewöhnt; aber sie sind zwischen die Fronten geraten. Auf der einen Seite die türkische Armee, die sie der Komplizenschaft mit der Rebellenarmee PKK verdächtigt und übel schikaniert. Auf der anderen Seite die PKK, die bedingungslose Gefolgschaft von ihnen verlangt und sie bedroht, weil sie dazu nicht bereit sind. Dabei wollen sie doch nur in Ruhe ihr karges Leben fristen. Zwischen den Fronten gelingt es nicht, einfach nur sein Leben zu leben.

Den Kurden eine Stimme geben

Mete Izgi aus Anatolien, der seit 1985 in Deutschland lebt, leiht den Dorfbewohnern seine Stimme. Er zeigt seinen Lesern den verzweifelten Kampf der Kurden um ihr Leben. Und zwar der Kurden, die eigentlich nichts mit dem schmutzigen Krieg zwischen der türkische Arme und der PKK zu tun haben. Izgi hat als Stilmittel den Roman gewählt – es hätte auch ein Tatsachenbericht sein können. Der Roman jedoch ermöglicht ihm einen erzählerischen Zugang zu seinem Stoff. Er schildert seine Figuren liebevoll und leise. Ihr Elend wir greifbarer. Wo seine Sympathien liegen, ist klar; und doch vermeidet er platte Propaganda. Manchmal erschien mir sein Roman allerdings ein wenig konstruiert. Ansonsten ist dem jungen Mann ein gutes Buch über ein schwieriges Thema gelungen.

Geschichten einer Ehe

Frau Baltes hat das Schreiben entdeckt. Der Volkshochschulkursus „Kreatives Schreiben“ stattet sie mit dem notwendigen Rüstzeug aus, dann legt sie los: Sie schreibt über ihre Kindheit, ihren Großvater und den Vollmond. Irgendwann hat sie alles gesagt – über die Dinge, die sie kennt. Meint sie zumindest. Das Ergebnis: Schreibblockade. Ihr Mann gibt ihr den simplen wie fatalen Rat: Sie soll nur über das Schreiben, was sie kennt. Er hätte das besser nicht gesagt, denn nun ist er eine der Hauptpersonen von Frau Baltes Geschichten. Frau Baltes hat nämlich die Idee, über ihre Ehe zu schreiben. Das Ergebnis sind wunderschöne Schnurren aus dem Alltag eines älteren Ehepaares. Mit scharfem Blick beobachtet, mit spitzer Feder geschrieben – aber nie entblößend und verletzend. Die 18 Ehegeschichten, die Edith Vennemann ihre Frau Baltes schreiben lässt, bieten dem Leser eine vergnügliche Lektüre.

Blaga Dimitrova, Narben, Gedichte aus vierzig Jahren und zwei Essays, Bulgarische Bibliothek, Avlos Verlag, Linz, 148 Seiten, ISBN-10 3929634260, ISBN-13 978-3929634266.

Mete Izgi, Yesilyurt – Zwischen zwei Feuern, Roman, Avlos Verlag, Linz, 141 Seiten, ISBN-10 3929634155, ISBN-13 978-3929634150.

Edith Vennemann, Frau Baltes hat ein Gedicht geschrieben, Ehegeschichten, Avlos Verlag, Linz, 115 Seiten, ISBN-10 3929634384, ISBN-13: 978-3929634389.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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