Drastisch, plastisch, verteufelt gut: Duponys erotische Fotografien lassen uns nicht mehr los

Barocke Nacktheit

Bild: pixabay.com/Unsplash

Barocke, wuchtige Spielereien, gebannt auf Fotografien – Alexandre Dupony legt mit Scènes d’intérieur einen wundervollen Fotoband vor. Das ist purer Sadismus – am Betrachter.

Barocke Nacktheit, verspielt

Unschuldige Spielchen zeigen diese Bilder nicht. Eher schon barocke Spielereien, wuchtig in ihrer drastischen Sexualität, beladen mit Zweideutigkeit. Da untertreibt Gilles Berquet in seinem Nachwort schamlos – vielleicht, um dem Vorwurf der Pornografie wortgewandt die Spitze zu brechen. Die Spiele wirken unschuldig, das schon – weil die Modelle, trotz der wild ausgelebten Fantasien, immer ein Lächeln auf den vollen Lippen tragen. Das überraschende Lächeln der Modelle will uns einreden: Es ist alles nur ein Spiel. Das mag es sein, dennoch steckt tief in unserem Herzen hinterlasse die Bilder eine andere Sprache – wir verstehen …
Die Nacktheit der Frauen ist abgrundtief, manchmal bodenlos – gerade, weil ihre Körper in barocken Tüll gehüllt sind; allerdings meist an den Stellen, auf die es nicht so ankommt beim Betrachten. Die Bilder ein einziges sadomasochistisches Zitat. Und eine neue Definition von erotischen Fotografien.

Wilde Nacktheit, wilde Fantasie

Das ist ausgelebte, wilde Nacktheit, zelebrierter Eros, drapiert in Tüll und Spitze, Samt und Seide. Es fragt sich nur, ob das die Fantasien des Fotografen sind oder die der Frauen, wie uns die Bilder vorgaukeln.
Was erstaunt, ist die tänzerische Grazie, mit sich die abgelichteten Frauen auf dem schwankenden Seil ihrer Zurschaustellung bewegen – gespannt zwischen den Polen Eros und Porno. Das wirkt streckenweise wieder höchst unschuldig; verlockend unschuldig sogar. Und das ist das eigentlich Atemberaubende dieses Bandes. Wie gut, dass Szènes d‘intérieur im Konkursbuchverlag von Claudia Gehrke erschienen ist. Damit sind die Bilder über jeden Verdacht der Gafferei erhaben. Erotische Fotografien im besten Sinn.

Exhibitionistisch, privat, voller Sehnsucht

Das Atemberaubende dieses Bandes ist zugleich seine Botschaft: Wir gehen weiter als andere; und doch ist es Kunst. Jene Untiefe auszuloten, ist bei Claudia Gehrke Programm. Und das Spiel mit weiblichen Begierden, Sehnsüchten und Träumen.

Böse Mädchen, erotische Fotografien

Der betrachtende Mann empfindet sich wegen der exhibitionistischen Privatheit der Bilder, wegen des selbstverliebten Spiels, das ihn außen vorlässt, bald als voyeuristischer Störenfried. Das zartfühlende, sanfte Weib existiert nicht auf diesen Bildern; der Mythos wird gründlich zerstört, die Beteiligten verletzen lustvoll Tabus. Phoebe Müllers draller Text am Ende des Buches geht einen anderen Weg, kommt aber zum gleichen Ziel. Ganz nett außerdem, eine andere Schriftstellerin aus dem Konkursbuchverlag wieder zu sehen: Dagmar Fedderke. Aber die hat ja nie einen Zweifel daran gelassen, dass sie ein böses Mädchen ist, das übrigens ebenso heiß Frauen wie Männer liebt. So bleibt, bei allem Genuss fürs Herz, den das schön gestaltete Bändchen bietet, immer noch etwas für den Kopf übrig.



Alexandre Dupony, Scènes d‘intérieur, Fotografien, Konkursbuchverlag Claudia Gehrke, Tübingen, 1995, 120 Seiten

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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