Dorothy Parker, New Yorker Geschichten

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Bild: pixabay.com/werner22brigitte

Zugegeben, das Buch hat schon ein paar Tage auf dem Buckel. Und doch ist es frisch wie am ersten Tag. Herrlich, wie Dorothy Parker durch das New Yorker Leben der 30er-Jahre streift und mit spitzer Feder ihre Mitmenschen seziert.

Die New Yorker Geschichten gehören mit zum besten, was wir im Genre Kurzgeschichten zu lesen bekommen; immer noch. Parker galt als unbestechliche, ja mitunter gnadenlose und bösartige Autorin. Bösartig finde ich ihre Geschichten nicht – eher menschenfreundlich. Weil sie ihre Sujets bis auf die Seele entblättern – und wenigstens uns eine Chance lassen, daran zu wachsen. Und oft wird ihr Blick seltsam weich, wenn sie die Helden und Heldinnen ihrer Geschichten entblättert hat. Da erkennen wir plötzlich, dass hinter all dem Glamour, dem Pomp und der Maskerade oft ein verängstigter kleiner Mensch steckt.

Akt der Reinigung: New Yorker Geschichten

Das aufzudecken mag in der Tat gnadenlos sein. Aber es ist eine Art der Karthasis, die es einfach braucht. Denn wollen wir wirklich all diese fremden Leben leben? Oder sollten wir uns nicht darauf besinnen, wir selbst zu sein?

Die Menschen in den Kurzgeschichten sind aber genau das nicht – sie selbst. Sie erzählen sich und uns wortgewaltig von ihren Märchen und Selbsttäuschungen, von ihren kleinen Fluchten und den großen Katastrophen – wie die Einsamkeit unter dem Joch der Erotik, die verzweifelte Verletzlichkeit der Alkoholiker.

Aber New York ist die Stadt, die niemals schläft. Und die ihre Bewohner wohl nicht zu sich selbst finden lässt – so toll ist sie. Wie gut, dass es da eine gab wie die Parker, die mit Stift und Notizbuch dabei war und mitten im Mummenchanz den Clown die Masken abriss.

Das vermisse ich in den Städten von heute schmerzlich …

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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