Wilde Geschichten sind wieder da!

gagsEines Tages bekomme ich seltsame Briefe aus dem Schrank meiner Großmutter – von meiner Ahnin Klara. Ich lasse mich auf ihre wilden Geschichten ein, und habe plötzlich mit einem Zaubermittel zu tun, das mir gefährlich wird. Sehr gefährlich … viel Spaß bei dieser magischen Novelle! Ich habe sie vor zehn Jahren herausgegeben, sie ist im Bruderlustig Verlag erschienen. Nun mache ich sie meinen treuen Lesern wieder zugänglich …

Leseprobe:

Der Schrank

Alles begann mit einem alten Schrank. Der ist groß und schwarz und hockte im windschiefen Flur des Jakobshauses. Das Haus gehörte meiner Großmutter Rosa. Wann immer ich Großmütterchen Rosa besuchte, standen wir irgendwann vor dem alten Schrank; Röschen bückte sich mühsam, öffnete den Bauch des dunklen Monstrums, indem sie die rechte untere Tür aufzog. Das Holz an der Leiste der Türe war abgeschabt, durch die dunkle Beize kam das helle Holz durch. An anderen Stellen war das Holz speckig. Rechts oben hing ein kleines Glasschränkchen mit einem Einlegeboden und einer Holztüre mit Butzenglas. Auf der linken oberen Seite des Schrankes waren zwei Regalbretter angebracht. Der obere Teil saß auf dem unteren – wie es sich gehörte. Und in der Leiste in der Mitte waren drei kleine Schubfächer eingelassen. Das ist wichtig für den weiteren Verlauf unserer Geschichte. Ich verrate hier nur so viel: Die rechte und die linke Schublade ließen sich öffnen, die mittlere nicht. Obwohl man ihr das nicht ansah.

Windschiefer Flur

„Leuchte einmal mit der Taschenlampe“, bat mich meine Großmutter, wenn wir in ihrem windschiefen Flur vor dem alten Schrank standen. In den letzten Jahren hatte ihr Augenlicht stark nachgelassen. Dabei hatte sie schöne Augen; eisgrau und geheimnisvoll. Wach war ihr Blick, liebevoll und hin und wieder ein wenig keck. Soweit das ihre Erziehung zuließ. Ich leuchtete in den mächtigen Bauch des Schrankes. Der Strahl der Taschenlampe funzelte quittengelb auf gestapelte Gesellschaftsspiele: Ein zerfledderter Karton mit Mensch-Ärgere-Dich-nicht, ein kaum besser erhaltener Karton mit Halma, Mühle und Fang-den-Hut. Dann gab es noch ein paar Kartons, von denen sich später herausstellte, dass sie abgewetzte Gesangbücher aus längst vergangenen Zeiten bargen. Und in einer anderen Holzkiste hatte Rosa Orden versteckt, die ihr Großvater und Vater und ihre Brüder aus drei Kriegen heimgebracht hatten.

Hier ist es nicht

„Nein, hier ist es nicht“, sagte Röschen, richtete sich ächzend auf, wobei sie den Stock zur Hilfe nahm, auf den sie sich stützte; sie wischte sich eine wildernde Strähne ihres grauen Haars aus der Stirn und schaute mich mit ihren eisgrauen Augen an. In einem Augenwinkel hatte sich eine Träne eingenistet. „Nein, hier ist es nicht“, murmelte sie wieder.

„Was suchst du?“ fragte ich, doch sie beachtete meine Frage nicht, sondern stützte sich auf ihren Stock und dachte nach. „Es war doch hier“, murmelte sie, „ich bin mir sicher, dass es hier war.“ Sie schaute noch einmal ungläubig auf den alten Schrank, schüttelte den Kopf, wobei sich noch eine Strähne ihres Haares aus dem Knoten löste, und in die Stirn fiel.

Mit ihren Gedanken war die alte Frau weit weg. Jedenfalls nicht hier, im dunklen Flur ihres engen Häuschens in der kleinen Stadt. Röschens schmales, blasses Gesicht geisterte im Dämmerlicht des Hausflurs. Sie schaute ungläubig zum Schrank hin, schaute zu dem Ölbild hoch, das genau darüber hing; so, als wolle sie sich vergewissern mit einem langen, angestrengten Blick, dass das Bild noch hing. Das Bild zeigte das Fräulein Klara, eine Ahnin von mir. Von Klara war in meiner Familie nur hinter vorgehaltener Hand die Rede gewesen, flüsternd.

Wilde Geschichten – wie ein Tagtraum

Ich weiß nicht, wie lange wir da standen – mein Großmütterchen Rosa und ich. Schließlich murmelte Großmutter etwas und schaute kurz zum Ölbild auf. Aus Röschens Gemurmel vermeinte ich „böses Biest“ zu hören, Worte, die mich bei meiner frommen Großmutter sehr wunderten.

Ich fragte noch einmal: „Was ist, Großmutter? Was suchst du?“ Hier erwachte sie aus ihrem Tagtraum, sah mich an mit ihren hellen Augen, lachte, vielleicht ein bisschen schnell und strich sich die beiden grauen Strähnen aus dem Gesicht. „Ach nichts. Ich suche nur das Fotoalbum. Ich war sicher, dass es hier lag, in dem Schrank. Ganz sicher.“ Da schaute sie noch einmal misstrauisch zum Fräulein Klara hoch, die zart und fein in Öl gemalt über uns hing und zu sinnieren schien. Wer Klaras edle Züge sah, hätte jeden Eid darauf geschworen, dass ihr Herz rein war wie ein Waldquell.

Doch das war es nicht …

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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