Der Dichter stirbt – Heinrich Heines letzte Jahre in Paris, genial nachgezeichnet; meistens

Heinrich Heine stirbt

Bild: pixabay.com/falco

Ein Dichter zwischen allen Stühlen: Ernst Pawel zeichnet Heinrich Heines letzte Jahre in Paris nach – meist genial, am Ende ein wenig flüchtig. 

Heine war gehasst und gefürchtet

Welchen Nachgeschmack hinterlässt das Buch? Eine leise Trauer und ein ganzes Stück Achtung vor Heine. Wenn das ein Buch erreicht, ist es eine gute Leistung. Alles in allem. Heine, der beste deutsche Dichter seiner Epoche, litt acht Jahre Höllenqualen in seinen diversen Pariser Matratzengruften. So genau weiß bis heute niemand, woran Heine starb. Ein Knochenmarksleiden gilt als wahrscheinlich. Stück für Stück zeichnet Pawel die geschichtlich bewegte Zeit der Jahre ab 1847 nach.

Heine, der meistzensierte Autor

Heine, damals meistzensierter Autor, der als Rebell gilt, nimmt die Revolution nicht so recht ernst. Und das bringt ihm einigen Ärger ein mit Gesinnungsgenossen. Pawel vermutet allerdings, dass Heine gar keine Gesinnung hatte. Als Künstler glaubte der nur an sein Werk. Was vielleicht notwendig, aber sozial betrachtet doch recht armselig ist. Aber die Anwürfe sind nicht das Schlimmste. Die Krankheit ist’s, die ihn zeitweilig vollends lähmt und selbst das Sprechen zur Qual macht. Heine, früher ganz ichbezogener Hagestolz und Dandy, erträgt sie (auch für ihn) erstaunlich gefasst. Er arbeitet bis zum letzten Atemzug. Die Arbeit, glauben viele, ließen ihn das Leid ertragen und ausharren.

Marx und Engels am Krankenlager

Heines Tapferkeit belegen zahlreiche Besucher am Krankenlager wie etwa Marx und Engels. Hier ist Pawel ein wenig redundant; er wiederholt das bis in die kleines Facette. Vieles, was sich später auf den Seiten immer wiederfindet, hat Pawel schon im ersten Kapitel erwähnt. Neues kommt kaum hinzu, das Bekannte variiert sich. Heine bewahrt bis zuletzt seine Bissigkeit, die ihn berühmt gemacht hat; und die manchmal auch seine Freunde verletzt. Das Spottgedicht über Atta Troll zeigt es– Heine verspottet darin das Maulheldentum der bigotten Revolutionsbarden; die frühe Dickpastigkeit von sich gaben wie später ihre Urenkel im sozialistischen Realismus.

Heinrich Heine saß zwischen allen Stühlen

Der Deutsche in Paris schlug sich damit beileibe nicht auf die Seite der Reaktion; das hätte ihm nie gelegen. Dazu piesackte ihn die Zensur des Deutschen Reiches viel zu arg. Nein, Heine nahm wieder einmal da Platz, wo er am liebste saß – zwischen allen Stühlen. Das ehrt ihn, das zeigt ihn als freien Geist; aber das machte ihn einsam.

Heine machte sich wenig Freunde mit seinen Texten

Gehasst und gefürchtet war Heine wegen seiner eleganten Feder, die aus der deutschen Sprache den Muff der Verquastheit fegte. Die zeigte, wie’s auch mit einfachen Sätzen geht. Dafür hatte er auch Bewunderer, wie den seinerseits gefürchteten Karl Kraus: „Ihren besten Vorteil dankt sie (die Literatur) jenem Heinrich Heine, der der deutschen Sprache so sehr das Mieder gelockert hat, dass heute alle Kommis an ihren Brüsten fingern wollen.“ Und so blieb das bis zum Schluss.

Auf den letzten Seiten etwas flüchtig

Pawel zeichnet elegant derlei Verflechtungen nach; auch Heines Ringen mit seinem zwar genialen, aber arg knausrigen Verleger Campe. Und des Dichters Sorgen um das liebe Geld. Bis auch wenige Rückblenden in Kindheit und Jugend beschäftigt sich Pawel mit den letzten neun Jahren. Die Rückblenden sind nicht immer gelungen. Manchmal mutmaßen sie etwas plump psychologische Verwicklungen. Ist er Zweidrittel des Buches zu langatmig, sind die entscheidenden Sequenzen zu kurz – etwa Heines Bekanntschaft mit seiner letzten großen Liebe, der geheimnisvollen Mouche. Auch die letzten Stunden in Heines Leben fliegen plötzlich herbei und dann ist unvermittelt das Ende da. Das Buch wirkt an seinem Ende doch etwas flüchtig. Aber vielleicht hatte Pawel dafür nicht mehr die nötige Zeit – er starb 1994.

Ernst Pawel, Der Dichter stirbt, Heinrich Heines letzte Jahre in Paris, Berlin Verlag, 240 Seiten, ISBN-10: 3827002338, ISBN-13: 978-3827002334, derzeit nur antiquarisch oder gebraucht zu bekommen.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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