Dagmar Fedderkes herrlich unartiges Buch Notre Dame von hinten

Liebesgeschichten aus Paris – aber so ganz anders als wir sie erwarten. Dagmar Fedderke ist eben eine Künstlerin, die sich nicht um Konventionen schert. Wir kommen dafür in den Genuss eines höchst unanständigen Buchs. Notre Dame von hinten – das dürfen wir wörtlich nehmen.

Unberührbar und hemmungslos

Dagmar ist ein böses Mädchen. Salope, Schlampe, hing ihr in Deutschland schnell am Plisseerock, den sie meist ohne Unterwäsche trägt. Doch Dagmar hat Glück, sie lebt in Paris. Der Stadt, wo selbst die verruchtesten Frauen noch Hochachtung genießen. Etwa so, wie salopp für uns Deutsche klingt.

Dagmar liebt Männer und ihre Komplimente

Dagmar liebt die Komplimente der Männer in Paris, die sie vorgeblich unvorbereitet treffen – in dunklen Gassen, auf Festen, in der Métro. Sie lebt im fein gesponnenen Netz des Zaubers, in den die schönste Stadt der Welt sie versetzt. Deren savoir vivre sie schweben lässt. Sie lebt im Zauber der Liebe, die schmerzhaft sein kann. Körperlich und seelisch. Dagmar ist eine Künstlerin, die ihre Existenz aufwendig zelebriert. Doch eigentlich ist sie keine Schriftstellerin, auch nach dem dritten Buch nicht; sie studierte Bildende Kunst und arbeitet als Computer-Artistin. Aus der autobiografischen Gemengelage ergibt sich über die vier Jahre, aus denen das Buch erzählt, nur ein diffuses Bild.

Eine Künstlerin und eine wunderbare Frau

Da ist eine Frau, knapp 40, mit wunderbaren Beinen gesegnet, wie die Fotos belegen, die sich vor allem mit sich und ihrem Künstlerdasein beschäftigt; gerade auch in den angeblichen Liebesgeschichten. Den Konventionen tritt sie mit jedem Schritt ihrer roten Pumps auf die Zehen. Da kommen Sätze zustande wie: „Das schlimmste im Leben ist die Unschuld. Ich habe meine nicht verloren, nein, ich habe meine systematisch abgebaut, denn ich verachte sie.” Das ist die eine Seite, die sie in ihren Geschichten auslebt.

Dagmar ist hier unberührbar, dort hemmungslos derb

Die andere: „Ich möchte eigentlich unwirklich … unberührbar sein.” Sie bändigt das Chaos in sich und um sich, indem sie das Chaos hätschelt. Dem Erzählband fehlt allerdings der rote Faden. Zu Anfang gibt sie sich tatsächlich unberührbar, lässt das Begehren der Männer an sich abperlen – nur um später hemmungslos derb zu werden, an der Grenze zur Pornografie entlangzutänzeln. Das gehörte ausgewogener gestaltet. Die Geschichte „Wie im Film” (Seite 122) sollte den Anfang bilden. Darin sagt ein Bekannter zu ihr: „Du lebst in einem Film.”

Das feine Gespinst der Verführung fehlt

Was fehlt, sind die feinen Gespinste der Verführung. Und die fein herausgearbeitete literarische Beobachtung. Sie verschenkt manchmal gute Geschichten mit vollen Händen, selten gelingen ihr Novellen mit Kraft und einer überraschende, lakonischen Pointe. Den literarischen Stellenwert ihrer Geschichten umzirkelt Dagmar selbst: „Meine Arbeit besteht darin, meine inneren Turbulenzen links-rum, rechts-rum in irgendeine Ordnung zu bringen. Im Moment tue ich das schreibend.” Irgendeine Ordnung aber genügt für die Literatur nicht. Sie genügt auch sonst nicht. Das ist zu viel des Chaos – und schadet nur einer begabten Erzählerin.

Dagmar Fedderke, Notre Dame von hinten, Liebesgeschichten aus Paris, Konkursbuch, Tübingen, 168 Seiten, ISBN-10: 3887690869, ISBN-13: 978-3887690861.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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