D_Arachart, Nadine; Wedler, Sarah: Die Muse des Mörders, ein starker Krimi

Muse des Mörders

Bild: pixabay.com/Carlyn1982

Ein Mörder treibt sein Unwesen in Wien – in einem brillant geschriebenen Kriminalroman; der nur manchmal ein wenig unverständlich ist …

Ein spannendes Buch

Ich muss nicht alles verstehen. Und wenn ich nicht versuche, dieses Buch zu verstehen, dann ist es richtig gut. Es ist spannend, es ist mystisch, es führt uns in die Untiefen Wiens und der menschlichen Seele gleichermaßen. Es rührt uns an mit zarten Liebesgeschichten, es verstört wegen des Ausbruchs plötzlicher Perversionen und Gewalt.
So, wie jeder gute Albtraum. Und wir liegen da und können nicht entkommen. Die Gefahr, die auf uns einstürmt, ist bitter, überwältigend, unentrinnbar. Wir lassen uns treiben durch die Kaskaden schöner Worte und starker Bilder. Aber die Geschichte ist nicht logisch. Wir verstehen sie nicht.

Die Muse des Mörders: Brillant geschrieben

So geht es mir mit diesem Buch: Brillant geschrieben, voller verschlungener Geschichten, die ich nicht entwirren kann. Gut, wenn ich sie vom Ende her sehe, finden sie sich alle zu einem großen Strom zusammen. All die vielen kleinen munteren Wildbächlein der Nebengeschichten vereinen sich am Ende zu einer einzigen Geschichte.
Aber bis dahin lese ich das Buch als Geschichtensammlung.

Kaleidoskop von Traum-Sequenzen

Als ein auseinander fallendes Kaleidoskop von Traumsequenzen.
Das mag Absicht sein, das mag hohe Literatur sein, das mag einen intellektuellen Geist erquicken. Aber ich bin kein Intellektueller. Ich bin ein hart arbeitender Mann mit einem begrenzten Horizont. Vor allem abends, wenn ich im Bett liege und noch ein paar Seiten lese, ist mein Horizont vom Tagwerk doch sehr eingeschränkt. Und da kapiere ich solche hochartifiziellen Bücher nicht mehr.
Mein Wunsch, eine stringente, verständliche und gleichwohl spannende Geschichte zu lesen, mag altmodisch sein. Oder an Blasphemie grenzen, weil ich der reinen Schönheit wohlgesetzter Worte nicht abgewinnen kann. Aber für mich ist eine Geschichte nur Vehikel für die Botschaft. Und die fehlt mir hier. Es mag sie geben, sie geht aber unter in der Kaskaden schöner Worte und brillanter Sätze, die über Selbstbespiegelung kaum hinauskommen.

Wien ist mein Schicksal

Es mag aber auch daran liegen, dass ich in diesem Buch schon wieder auf Wien treffe. Die Stadt ist wohl mein Schicksal.
Und vielleicht wird sich, mit den absehbaren Aufenthalten in dieser Stadt (weil da muss ich jetzt einfach hin!), mein Verständnis wachsen für die Wiener Literatur. Aber vielleicht ist das hier auch keine Wiener Literatur, denn die beiden Schreiberinnen studierten in Bochum und leben in Hattingen.
Was meine Verwirrung noch steigert: Ist das alles  nun eine Pseudo-Literatur aus Wien? Haben sich zwei Damen aufgemacht, so zu schreiben, wie sie sich die Literatur Wien wünschen? Die Sache wird immer komplizierter.

Dumme männliche Logik

Eine zweite Erklärung könnte es geben: Die beiden haben ihre jeweiligen Erzählstränge nicht energisch genug aufeinander abgestimmt. Bei manchen Büchern wundern wir uns, dass mehrere Autoren sie geschrieben haben sollen – so sehr sind sie aus einem Guss. Hier wundern wir uns, dass auch dem mäandernden Strom der Geschichten ein einzigen Buch zusammengeflochten wurde. So sehr fallen die Geschichten auseinander.
Aber, wie gesagt – das mag alles an meinem fehlenden geistigen Horizont liegen. Ich bin nun mal nur ein dummer Mann. Damit muss ich leben.
Und wir können das Buch, jenseits der Logik, auch lesen wie einen Albtraum: Schillernd schön und brandgefährlich, atemberaubend morbide und in Maßen grotesk. Und einfach gut – ohne die dumme männliche Logik. Dann ist es durchaus in Ordnung wie es ist.

Die Autorinnen:

Sarah Wedler, 25, und Nadine d’Arachart, 26 erhielten als Autorinnenduo zahlreiche Auszeichnungen und Preise und schafften es unter anderem ins Finale des Berliner Open Mike 2011. Die beiden veröffentlichten Kurzgeschichten in Anthologien und Jahrbüchern. Neben Prosa schreiben sie unter anderem auch Drehbücher. Beide studieren Sozialwissenschaften an der Ruhr-Universität Bochum und leben in Hattingen. „Die Muse des Mörders“ ist ihre erste eigenständige Publikation.

Nadine D‘Arachart und Sarah Wedler, Die Muse des Mörders, Kriminalroman, Labor Verlag, ISBN 978 3 902 8000 39.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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