Chatwin, Bruce, Traumpfade

Bild. pixabay.com/falco

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Der Roman Traumpfade des Briten Bruce Chatwin ist dessen letztes Buch. Es offenbart die Kultur und die Denkweise der australischen Ureinwohner. Und erzählt viel über uns.

Chatwin als Egomane

Vielleicht musste es ein Egomane und ein Besessener sein, der sich, wie kein anderer, selbst als Mythos inszenierte. Vielleicht hätte niemand anders so tief über die Kultur der australischen Aborigines schreiben können wie Bruce Chatwin. Egal, mit den Traumpfaden ist ihm nicht nur ein Stück Weltliteratur gelungen, sondern auch ein literarisch kongeniales Pendant zu den Songlines der Aborigines.

Ureinwohner ernst genommen

Dass Chatwin die australischen Ureinwohner als erster wirklich ernst nahm, ist sein Verdienst. Gedankt hat ihm das niemand. Im Gegenteil, die weißen Australier hassen ihn, weil er den bis dahin herumgestoßenen Schwarzen die Würde zurückgab und sie nicht herumgestoßen werden können. Und die Ureinwohner: Sind stinksauer, weil Bruce Chatwin ihre Geheimnisse verriet. Denn das spirituelle Wissen, die Initiationsriten, sind in den Clans streng geheim. Sie werden nur innerhalb des Clans weitergegeben. Wer sie verrät, ist des Todes.

Die guten Wilden

Und die Dritten sind sauer auf ihn, weil er europäische und amerikanische Aussteiger, Träumer und Freaks dazu verleitete, nach Australien zu kommen, auf allem herumzutrampeln du zu meinen, sie wüssten jetzt Bescheid über die guten Wilden.

Andererseits: Wie hätte es anders funktionierten sollen? Nur mit den gelüfteten Geheimnissen kommen die Leser der rätselhaften Welt der Aborigines ein kleines Stück näher. Deren Kultur der Traumpfade, der Songlinien, ist so fremdartig und überwältigend, dass es eine ganze Zeit braucht, bis wir sie verstehen.

Fantastische Welt der Traumpfade

Aber dann macht es klick und es erschließt sich eine Welt, die fantastisch ist. Die Berichte der Ahnen der Aborigines, die erst unter der Erde ruhten, dann hervorkrochen und aufbrachen, die Welt zu erschaffen – indem sie alles besangen, was sie sahen. Allem einen Namen gegeben, das erst setzt es in die Wirklichkeit. Am Anfang war das Lied. Das Faszinierende: Die Lieder gibt es heute noch, die Traumpfade auch. Die einzelnen Clans brechen heute noch auf, entlang der Songlines singen an den richtigen Stellen die passenden Lieder, benennen wieder alles. Sie erschaffen so die Welt neu, geben ihr Halt.

Sie können den Kontinent durchqueren und wissen immer genau, wo sie sind. Welche heilige Stätte das ist, welcher Ahne hier was erlebt hat und wo er ruht.

Spirituelle Landnahme

So nehmen die Aborigines das Land nicht physisch in Besitz, sondern spirituell. In einer Zeit, in der sich unsere westliche Art der Landnahme als pure Zerstörung erweist, dämmert uns vielleicht langsam – diese Art des Umgangs mit er Natur ist nicht lächerlich, die Aborigines sind nicht dumm, diese älteste Kultur der Erde ist uns weit voraus.

Inspiriertes Nomandentum

Das verdanken wie dem englischen Selbstdarsteller und Reiseschriftsteller Bruce Chatwin. Er mag sich dabei stilisiert haben, er mag Geheimnisse verraten haben. Das war nötig. Sein letztes Buch (er starb 1989 an Aids) ist sein größtes. Es ist gelebtes Nomandentum, es empfindet die Songlines inspiriert nach – mit den Mitteln der Schriftstellerei. Ein verstörendes und ein betörendes Buch.

Bruce Chatwin: Traumpfade, Fischer Taschenbuch; Auflage: 14 (1. September 1992), ISBN 978-3596103645, 9,95 Euro.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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