Buchvorstellung – Juliane Beer, Kreuzkölln Superprovisorium

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Juliane Beer * geboren im Dezember 1964 * Kindheit und Jugend in Norddeutschland und London * Vor 26 Jahren nach Berlin gekommen und geblieben * Um die Jahrtausendwende nach viel Off-Theater zum Schreiben gekommen * Bisher vier Romane und Kurzgeschichten in Anthologien und Zeitungen

Veränderung der Stadt Berlin

* Kreuzkölln Superprovisorium erschien im September 2013 und erzählt von der Veränderung der Stadt Berlin * Text aus Kreuzkölln Superprovisorium: Charlottenburg Ecke Wilmersdorfer Straße gibt es in einem engen Laden Patchouli aus dem Glasbottich, Preis nach Gewicht. Der Duft orientalischer Öle zieht bis auf die Straße. Der Verkäufer hegt eine Vorliebe für bestickte Samtwesten mit Rückenriegel, immer eine prächtiger als die andere. Dazu trägt er eine runde Schildpattbrille.

Das richtige Glas

Kommt Kundschaft, schiebt er seine feine Brille hoch auf die Nasenwurzel und holt für jeden gleich das richtige Glas vom Regal. Sam hat ihm vor Jahren verraten, dass sie nie ein anderes Parfüm als Patchouli benutzen würde. Anfangs versuchte der Verkäufer noch, sie von ein wenig Abwechslung zu überzeugen, träufelte eines seiner zahlreichen Öle auf ein Papierchen, fächerte damit ein paar Mal hin und her, reichte Sam dann die Duftprobe; jede für sich apart, aber keine konnte sie so überzeugen wie Patchouli. An der Kasse in einem Kinderstuhl sitzt nach wie vor ein kleines Mädchen. Auch sie ist immer ganz erlesen angezogen, viel Samt und Leinen, das Haar zu einem dicken Zopf geflochten, das blasse crie- du- chat- Gesicht wie aus einem medizinischen Lehrbuch.

Wie ist so ein Leben?

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Sam geht der übliche Schauer den Rücken hinunter, wenn das Kind sie ansieht. Schwindelig wird ihr, sie kann es nicht ändern – wie gerne würde sie gelassen bleiben, als säße da eben ein Mädchen in einem Kinderstuhl. Wie ist so ein Leben? Ein weicher, dicht geknüpfter Schleier legt sich über alles Geschehene, hofft Sam. Leid ist nur das, was man als solches erkennt. Das Mädchen spürt das Entsetzen der Leute, gibt kleine Schreie von sich, durchdringend wie das Heulen eines hungrigen Tierkinds. Sobald die Geldschublade der antiken Kasse mit einem Klingeln aufspringt, werden die Katzenschreie laut und begeistert. Sam lacht mit, immerhin, das gelingt ihr stets, wodurch die wahnsinnigen Schreie so wild und archaisch werden, als drängen sie hoch aus Zeiten zu Beginn der Welt. Immer, wenn Sam kommt, um Patchouli zu kaufen, hat sie vorher etwas für das Katzenkind besorgt, ein Tütchen Karamellbonbons oder eine Tafel Schokolade. Nie traut sie sich, das Geschenk aus der Tasche zu holen und es dem Mädchen in die Hände zu geben.

Lächeln beim Abschied

Ein Lächeln des Vaters beim Abschied verrät nicht, ob das weise oder feige ist. Das Katzenkind winkt. Weiter. Nebenan wird sich derweil immer noch dem Glücksspiel hingegeben. Seit ein paar Jahren allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Hier hat Sam mehr als einen seine Rolex verlieren sehen, zwanzig Jahre ist das her, sie war jung, mit Freunden kam sie samstagmorgens um acht, wenn im Dschungel* die Leute von den Hockern fielen, auf die Kantstraße. Man ließ sich treiben, saß vor dem asiatischen Imbiss Ecke Wilmersdorfer Straße und trank Reiswein, in der Hoffnung, das Speed zu neutralisieren um ab mittags schlafen zu können.

Es ist stickig dort

Die Zockerkaschemme nebenan war damals noch offen für Publikum. Es war so furchtbar stickig dort, die Luft war blau vom Rauch polnischer Schmuggelzigaretten. Und irgend etwas stimmte mit dem Wodka nicht, bereits ein Schluck davon drohte einen umzubringen. Wie eine in Brand gesteckte Ölspur raste das Zeug die Kehle runter. Sam versuchte das kein zweites Mal. Das Publikum stand um die Spieltische herum und sah den Russen beim Pokern zu, wer Geld oder Schmuck dabei hatte, konnte auch mithalten. Um seine Uhr zurückzuerlangen setzte mal einer mit scharfem osteuropäischen Dialekt bei der Revanche verzweifelt seinen Puff, weil ihm nichts anderes geblieben war, auch keine Mädchen oder Angestellten oder Spirituosen hinter der Theke. Er verlor noch mal. Was daraufhin geschah ist nicht überliefert. Die westeuropäischen Zuschauer verließen auf der Stelle die Lokalität[…]

*Legendäre Diskothek in der Nürnberger Straße

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Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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