Bruder Lustigs Spinnerey – Werden Sie keine Journalistin!

Presse

pixabay.com/Alexandra / München

Mit Journalisten zusammen zu sein, ist ganz schön entnervend. Manche Mitmenschen suchen verzweifelt eine Antwort auf die Frage, warum es diesen Menschenschlag überhaupt gibt.

Sehr geehrte Frau Schreyvogel,

ich freue mich, Ihnen mitzuteilen, dass wir Ihre Bewerbung in unserem Haus positiv bescheiden. Wir werden Sie zum 2. Mai dieses Jahres als Volontärin des Periodikums „Dotterblume –  Zeitschrift für aufgeräumte Hinterhöfe“ einstellen. Seien Sie uns herzlich willkommen. Um Einzelheiten Ihres ersten Tages bei uns zu klären, setzen Sie sich bitte mit unserem Sekretariat, Frau Fürsprecher, in Verbindung.

Lassen Sie mich aber zuvor ein offenes Wort an Sie richten. Ihrem Lebenslauf entnehme ich, dass Sie starkes Interesse an Biologie haben und eine Zeitlang in Erwägung zogen, Biologin zu werden.

Tun Sie es!

Ich bezweifle nicht, dass Sie das Zeug zu einer fähigen Journalistin haben. Sonst würden wir Sie ja gar nicht einstellen. Doch die wenigsten jungen Menschen machen sich klar, was für ein barbarischer Beruf der Journalismus ist. Sie müssen als junger Mensch nachts raus und zu Unfällen fahren. Sie sehen verstümmelte und verbrannte Leichen. Gut, nicht bei uns, aber wenn Sie einmal woanders arbeiten sollten.

Barbarisch! Dabei sind die Barbaren nicht einmal die Journalisten selbst, sondern die anderen. Die Politiker, die großen und kleinen Gauner, die Ihre Nähe suchen, um ins Blatt zu kommen. Die Sie belügen auf Teufel komm raus. Sie wissen das, aber Sie können nichts dagegen tun. Uns schimpft man Lügenpresse, dabei sind wir es doch, die pausenlos belogen werden.

Und wehe, Sie zeigen Schwäche, dann schlagen die da draußen gnadenlos zu.

Das hinterlässt Spuren

Das bleibt nicht ohne Spuren, früher oder später werden die Journalisten selbst zu Barbaren. Gefühllos wie rohes Kalbfleisch.

Wollen Sie mit einem Journalisten befreundet sein? Die meisten Menschen bekommen bei einer solchen Frage Nervenflattern im Gesicht. Das verstehen wir natürlich. Ich kenne selbst Journalisten, die ihr Porträt in der Zeitung lesen – weil sie sportlich etwas erreicht oder ein Buch geschrieben haben  – und sich selbst nicht wiedererkennen. Nichts gegen den Kollegen, sagen sie, aber das ist ja nun wirklich blanker Unsinn, was da über mich steht.

Vielleicht ist deswegen der Beruf so unbeliebt. Er rangiert seit Jahren zwischen einer alten Bahnhofsnutte und einem Scharfrichter. Dabei sind die meisten Journalisten, wenn man sich ihnen angstfrei nähert, privat ganz nette Menschen. Manche heiraten sogar Bürgerliche, nicht nur solche aus journalistischem Adel.

Abgründe an Verderbtheit

Welche Abgründe an Verderbtheit in diesem Beruf innewohnt, zeigt eine Anekdoten, die ich zur Beginn meiner Karriere selbst im Kollegenkreis einer Landredaktion erlebt habe:

„Ich muß mal kurz weg“, haucht der Kollege plötzlich und steht mit weit aufgerissenen Augen da. Was denn los sei, fragt ein anderer. Nicht aus Interesse am Grund für das plötzliche Verschwinden, sondern mehr von der Sorge getrieben, ob durch den Zwischenfall am Ende mehr Arbeit auf ihn zukommt. „Ich muss verhindern“, sagt der Enteilende, „dass meine Wohnung abbrennt.“ Die Kollegen erfahren, dass seine „bessere Hälfte“ vor verschlossener Haustüre steht, ohne Schlüssel und wohl wissend, dass im Inneren die Herdplatte glüht. Die nächste Bemerkung aus dem Kreis der lieben Kollegen lautet lapidar: „Nimm deinen Fotoapparat mit.“ Um den Brandfall gleich für die Zeitung zu dokumentieeren.

So viel Herz muss sein. Oder eine andere Geschichte, geschehen in einer anderen Redaktion.

Es wird immer dann brandgefährlich, wenn mehrere Journalisten zusammenkommen; und dabei gar noch Alkohol fließt. Meist fließt er in Strömen. Der Lokalpolitiker Ulf Hoppegarten könnte ein Lied davon singen – wenn er noch singen könnte. Den der aufstrebende CDU-Lokalpolitiker in dieser Stadt war auf unerfindliche Weise in den Haufen feiernder Journalisten geraten.

Ein Haufen Journalisten

Alle fünf Kollegen der Stadtredaktion der angesehendsten Tageszeitung dieser Gegend. Mit dabei auch Dr. Alois Wegelein, ein aufstrebender SPD-Lokalpolitiker in dieser Stadt. Und wenn die beiden aufeinanderprallten, Wegelein und Hoppegarten, stieben die Funken. So auch wieder an diesem weinseligen Abend im Haus des Redaktionsleiters der ominösen Stadt. Die Funken stieben dermaßen, dass Hoppegarten empört aufsprang, die Augen und den Mund aufriss, um seinem Widersacher etwas Unsterbliches entgegen zu schmettert – allein, es fiel ihm nichts ein. So stürmte er wortlos aus dem Raum.

Witze begleiten seinen Weg

Wir Zurückgebliebenen rissen unsere Witze über diesen Abgang – aber er war nicht auf der Toilette, wie wir meinten. Er war nirgendwo. Unser Kollege war eine ängstliche Natur (und das als Journalist!). Er hatte die Angewohnheit, sämtliche Türen und Fenster zu verschließen; auch, wenn er im Haus war. Und verschlossen waren sie an diesem Abend. Und Hoppegarten war weg.

Eine Zeitlang suchten wir ihn im Weinkeller, zu dem eine steile Stiege hinabführte; die Türe war offen gestanden. Aber auch hier war der CDU-Lokalpolitiker nicht.

Ich gebe zu, wir nahmen das Verschwinden Hoppegartens zunächst nicht sehr ernst. Aber er tauchte nie wieder auf. Auf einmal interessierte sich auch die Kriminalpolizei für uns, ein Häuflein Journalisten. Die Ermittlungen gingen allen an die Nieren, auch unseren Vorgesetzten im Verlag. Sie bauten unsere Redaktion radikal um. Wer nicht freiwillig ging, wurde entlassen. Obwohl die Ermittlungen gegen uns eingestellt wurden.

Ich hatte das Glück, bei der „Dotterblume“ unter zu kommen.

Gefährlicher Beruf

Sie sehen, der Journalismus ist ein gefährlicher Beruf, der eine Menge Schaden hervorrufen kann. Sogar, ohne es zu wollen.

Liebes Fräulein, äh, liebe Frau Schreyvogel, retten Sie Ihre Seele, werden Sie Biologin, schneiden Sie der Drosphila-Fliege die Augen ab; das ist halb so barbarisch wie ein Artikel die Preisverleihung für den schönsten Hinterhof. Das ist alles gelogen und ein abgekartetes Spiel.

Journalismus? Tun Sie es nicht!

Ihr Dr. Schattenspringer.

Chefredakteur der „Dotterblume“

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....