Bruder Lustigs Nachtgedanken: Alte Bücher

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Bild: pixabay.com/DevilsApricot

Wir Menschen sind schon ein seltsames Völkchen – erst, wenn wir etwas nicht mehr haben, merken wir, was wir einst hatten.

Ich gebe zu, ich lasse mich auch von den modernen Zeiten verführen. Ich nutze ein Handy, finde meinen Apple schick und wenn ich lese, nehme ich manchmal auch ein Elektrobuch zu Hand. Oder vielmehr die elektrische Lesekrücke, um so ein e-Buch überhaupt zu lesen. Das Letzte allerdings so selten wie möglich; ich bin da bei einer Quote von einmal in drei Jahren angekommen.

Alte Bücher

Doch vor ein paar Tagen las ich eine Meldung, die mir unter die Haut ging. Und mir wurde wehmütig ums Herz:  Ein Buchbinder zeigte im Archiv unserer Stadt, welche typischen Schäden bei alten Büchern auftreten und wie man sie repariert – all die gebrochenen Buchrücken, die eingerissenen Buchdeckel und die beschädigten Seiten. Von solchen alten Büchern gibt es sicherlich noch einige bei uns.
Die Frage ist nur, ob die alten Bücher tatsächlich noch überall so wertgeschätzt werden, dass man sie auch reparieren will. Manche sollen ja in der Altpapiertonne landen – wobei sich da regelmäßig mein Magen umdreht, wenn ich das sehe. Ich bin mit Büchern aufgewachsen. Die Wände unserer Zimmer standen voll davon. Die Atmosphäre zaubert einem kein Elektro-Buch-Träger ins Wohnzimmer!

Alle Bücher weg!

Aber manchmal sind die Zeiten nun mal so, dass man am liebsten alle Bücher loswerden möchte, um Platz zu schaffen für die schöne bunte Warenwelt – zum Beispiel eine Schrankwand Eiche rustikal, mit wenig Stauraum für Bücher; aber viel Platz für den Fernseher.
Vielleicht war das der Grund, warum in den Zeiten um die deutsch-deutsche Wende herum an den Straßenrändern der zukünftigen Ex-DDR so viele Bücher lagen. Ich hatte damals das Vergnügen, alles hautnah mitzuerleben, weil ich in Gotha/Thüringen in einer (West-)Redaktion arbeitete. Und mit Büchern habe ich mich reichlich eingedeckt. Es waren tolle Sachen dabei!

Ein Wort weniger

Der Workshop im Stadtarchiv heißt übrigens folgerichtig »Umgang mit alten Büchern«. In ein paar Jahren wird so ein Lehrgang vielleicht ein Wort weniger haben. Das »alten« wird fehlen. Weil Bücher dann gänzlich ein überkommenes Kulturwerkzeug sein werden. Wir werden dann den Umgang mit Büchern wieder lernen müssen. Schade eigentlich.
Das erinnert mich an eine Karikatur, die ich vor ein paar Tagen gesehen habe: Stehen zwei Knaben um ein aufgeschlagenes Buch herum, das auf dem Boden liegt. Sagt der eine zum anderen: »Ich habe noch nicht herausbekommen, wie es funktioniert. Ich suche noch das Batteriefach!«
Wo ich das gesehen habe? Auf Facebook, wo sonst. Das lesen die meisten heute – steckt ja auch das Wort »Buch« drin.
Wie tröstlich…

Und nun zur Werbung!

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....