Boris Maggioni, Blasses Blut – ein atemberaubender Krimi

Blasses Blut

Bild: pixabay.com/kai Stachowiak

Boris Maggionis Buch Blasses Blut lässt einem das eigene Blut in den Adern gefrieren – so sehr geht sein Sujet unter die Haut und lässt dem Leser das Blut stocken.

Bestattungsunternehmer als Mörder

Was für ein Buch! Das Thema ist eklig und faszinierend zugleich. Und es ist konsequent durchgezogen – mit allen wilden Haken, die eine überbordende Fantasie schlagen kann. Paul Neumann (ausgerechnet!) heißt die Hauptfigur, in deren leben wir hineinschauen dürfen. Ein glücklos Liebender, ein einigermaßen erfolgloser Bestattungsunternehmer. Der ist moralisch so verkommen, dass er die beste Freundin seiner Freundin zu ermorden versucht – weil er eigentlich die Freundin seiner Freundin liebt; und so lange die am Leben ist, hat er keine Ruhe. Und kann seine Geliebte nicht lieben. Glaubt er.

Blasses Blut: Innerer Monolog

Wir erfahren davon, weil wir Zeugen werden von dem Mahlstrom des inneren Monologs, der ab und zu in einen Dialog mündet, um dann wieder zu Gedankenstrom zu erden, er ich durchs Pauls Leben zieht; und eben durch unseres, weil wir davon lesen.
Der Anschlag misslingt, so viel sei hier verraten – und dann hat erst recht die Post ab. Paul wird auf die Idee gebracht, die tote Damen  seinem Bestattungsinstitut als  Ladys für gewisse Stunden zu vermieten. Und er staunt selbst, dass sich dafür offensichtlich eine Menge Männer begeistern können.
Eine Geschäftsidee ist geboren – das Bordell mit den toten Damen.

Reichlich seltsam

Hm. Das mag für manche Exoten wie mich, die eher lebendigen Frauen den Vorzug geben, reichlich seltsam erscheinen – aber Boris Maggoni schafft es, unsere Zweifel als Leser zu zerstreuen. Weil er nämlich seinen Paul genau diese Zweifel haben lässt, die uns bewegen. Paul bekommt sie zerstreut, worüber er sich selbst am meisten wundert.
Der versuchter Mord an einer Freundin und das Bordell mit den toten Damen wäre an sich schon Wahnwitz genug für ein normales Buch – aber Blasses Blut ist nicht normal. Ganz und gar nicht. Boris Maggioni setzt immer noch einen Treppenabsatz auf der Stiege in das absolute Irresein drauf.

Überforderte Pschychiater

Da dürfen natürlich auch die Psychiater nicht fehlen, die von so etwas reichlich überfordert sind. Oder selbst zu Freiern werden in dem seltsamen Bordell – allerdings bevorzugen sie selbstverständlich die toten Männer denn ein Psychiater, der etwas auf sich hält, fickt keine Ladys, sondern Kerle; und mögen sie noch so tot sein.
Gut, um nicht zu viel zu verraten: Wir bekommen es in diesem Roman mit einer mächtigen Organisation skrupelloser Frauen zu tun, die Pauls Unternehmen eher befeuern als verhindern. Mit viel Abhängigkeitserotik (nicht nur mit den toten Damen, sondern auch den Freundinnen der Hauptfigur). Einem bösen Mord (dann doch) in seinem Umfeld. Und schließlich dem Massaker in der Zentral der Frauenorganisation.

Bin ich ein Frauenhasser?

Was mir daran gefällt? Bin ich vielleicht doch ein heimlicher Nekrophiler? Blutrünstig? Ein Frauenhasser? Ein Psychiater-Verächter? Ich glaube nicht.
Ich mag das Tempo des Romans Blasses Blut – er ist erkennbar durchgezogen, ohne dass der Autor viel nach rechts oder link geschaut hätte. Das ist in diesem Fall geglückt, weil auch das Tempo der Handlung und des eskalierenden Irrseins mit diesem atemlosen Schreibstil aufs feinste korrespondiert. Und doch sind die Personen, soweit sie für die Handlung tragend sind, von einer passgenauen Stimmigkeit. Es passt. Und zu dem sich steigernden und übertreffenden Wahnwitz (es kommt noch viel schlimmer als bisher – auch, wenn wir das kaum für möglich halten) gehört die Quintessenz des Ganzen: Crime DOES pay; der Mörder kommt ungeschoren davon.

Mit der Mordlust spielen

Auch das gefällt mir, weil davor immer noch viele Krimiautoren zurückschrecken. Weil sie zwar mit unser aller Mordlust spielen und die Gier befriedigen, lechzende Zaunzeugen fremden Leids und fremde Bluttaten zu sein – aber bitte schön mit dem schlussendlichen Purgatorium, dass sich Verbrechen doch nicht auszahlt. Das ist etwa so, als glaube ein eifriger, verheirateter Bordellgänger im richtigen Leben, das sei alles nicht so schlimm, weil er anschließend zur Beichte geht.

Maggioni ist anders

Maggioni ist anders – er gönnt uns in Blasses Blut auch dieses Schlupfloch nicht. Wir müssen schon dazu stehen, dass wir eine Menge menschlichen Mülls ertragen haben, ohne am Schluss die Absolution für unsere Geiferei und unser Spannertum zu bekommen. Blasses Blut – wir machen es erst möglich. Da ist er ähnlich konsequent wie der Existenzialist Boris Vian einst war. Auch deshalb gefällt mir das Buch.
Alles klar also? Fast. Vielleicht sollte sich der Autor bei anderen Romanen, die eine langsamere Gangart anschlagen,  ein wenig mehr Zeit lassen. Aber hier, wie gesagt, passt das wunderbar!

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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