Blechschmitts Welt: Himmelspforte

Bild: pixabay.com/Junior Peres Junior

Alte Damen sind kampferprobt – man sollte ihnen nicht in Geschäften begegnen. Da sind sie plötzlich immer als erste an der Reihe.

Satire

Blechschmitt wundert eigentlich nichts mehr. Wo er hinschaut, verlottern die Sitten. Alte Damen, die sich beim Bäcker vordrängen und kompakt in der ersten Reihe stehen, während sie noch gar nicht dran sind. Und kaum schaut die Verkäufer suchend die Reihe der Käufer ab, wer denn nur an der Reihe sei, da krächzen sie los und geben ihre Bestellung auf. Dabei stellen sie sich blind und taub und so, als säßen sie dem Schnitter schon auf der Sense; was wahrscheinlich stimmt.

Eindruck schinden

Aber gerade da sollte man sich noch einmal um Benehmen bemühen – um ein bisschen Eindruck zu schinden vor dem Chor der Engellein, der sie bald abholt vor Gottes Thron. Zumindest haben sie sich fein gemacht; nun, manche übertreiben es etwas mit der Schminke und tragen das Rouge etwas dick auf. Oder zu orange. Das gibt einen scharfen Kontrast zur ältlichen Pergamenthaut ihrer Wangen. Alle aber haben ihren Sonntagsstaat an, viele ein Hütchen auf dem Kopf. Und sie lächeln eisern.
„Das sind die so aus den Hungerjahren nach dem Krieg gewohnt“, sagt Blechschmitts Bekannter. „Da mussten sie sich mit allen Ellbogen, die sie hatten, um das Wenige balgen, das es damals gab. Fringsen, du weißt schon.“
Möglich. Wenn auch Fringsen eigentlich klauen bedeutet – und die Damen in der Bäckerein ja nichts stehlen. Jedenfalls sieht es keiner.
Aber ein Gentleman von Welt widerspricht einer alten Dame nicht – so sehr sie sich auch vordrängt. Sollen sie ihr Bot als erste kaufen, so lange sie noch können.

Weg da!

Vor ein paar Tagen hat Blechschmitt allerdings eine Steigerung erlebt. Er stand im Lebensmittelmarkt, Gemüseabteilung, hatte sieben Äpfel auf der Waage abgewogen und war gerade dabei, sie in der Tüte zu verknoten.
“Weg da“, hörte er eine alte, brüchige Stimme. Als er sich umdrehte, sah er eine fein gekleidete Dame in grauem Kostüm auf sich zutänzeln. Sie lächelte breit, ihre freundlichen, hellblauen Augen standen im schroffen Gegensatz zu ihrem rauen Kommando. Auf der Nase trug sie eine runde Brille mit Goldrand.
“Aber gerne“, antwortete Blechschmitt höflich und räumte das Feld. 
Wahrscheinlich hatte die feine, alte Dame gerade eine Nahkampfausbildung bei ihrem Seelenklempner gebucht. Motto: Wie setze ich mich in der modernen Welt durch?

An der Himmelspforte

Ja, von den alten Damen können wir eine Menge lernen. Wahrscheinlich drängen sie sich einst auch am Himmelstor vor. Und deuten dann auf uns und sagen zu Petrus: „Der bleibt draußen. Der hat sich immer nur beim Bäcker vorgedrängt. Und an der Gemüsewaage obszöne Reden geführt!“ Dabei funkeln sie uns über den Goldrand ihrer feinen Brille an, ehe sie sich umdrehen und wutschnaubend Richtung Himmelreich stapfen.
 Und Petrus? Wird verständnisvoll lächeln, die alte Dame über die Schwelle ins Himmelreich geleiten – und uns die Himmelspforte vor der Nase zuschlagen: „Sie haben doch gehört, was die alte Dame gesagt hat! Belästigen Sie uns nicht weiter. Guten Tag, der Herr!“

Jeremias Blaumilch

Mehr von den Blechschmitts gibt es hier: Jeremias Blaumilch, Die Blechschmitts – Abenteuer Familie, Testudo Verlag, ISBN 9783942024228.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

Kommentar verfassen