Blechschmitts Welt: Goethes Schatten – Satire

johann-wolfgang-von-goethe-63161_640

Bild: pixabay.com/WikiImages

Blechschmitt bekommt hohen Besuch – der Geheimrat persönlich schaut vorbei. Allerdings heimlich, damit es keiner merkt …

Satire

An diesem Nachmittag sieht Blechschmitt den Geheimrat persönlich. Die Sonne stößt überraschend durch die dicken Wolkenhaufen und sticht, knapp über den Giebel des Finanzamtes hinweg, in ihr Wohnzimmer. Ihre Strahlen enden auf der weißen Wand.
Und auf der Wand ist er – Goethe. Zwischen den Schatten der Topfpflanzen. Er steht da, ein lebensgroßer Scherenschnitt an seiner Wand. Blechschmitt erschrickt und schaut zum Fenster hin, ob etwa die Pflanzen auf dem Fenstersims oder eine alte Lampe ihn mit ihrem verzerrten Schattenspiel narren. Sie narren ihn nicht. Blechschmitt findet sich damit ab: Goethe. Bei ihm. Zu Hause.
Er schaut den Schatten an, doch nichts geschieht. Als Blechschmitt sein Wasserglas hebt, nickt Goethe leicht.

Der Geheimrat findet es lustig

Mutig geworden, fragt Blechschmitt ihn: Kommen Sie wegen des Goethejahrs?
Ihm war, als schüttele der alte Geheimrat belustigt den Kopf.
Das finden Sie wohl lustig! setzte Blechschmitt nach.
Der Geheimrat nickt heftig.
Blechschmitt hat einen Gedanken: Sie finden wohl überhaupt jedes Jubiläum lustig?
Goethe nickt heftiger.
Wissen Sie, dass Sie seit ein paar Jahren ganz dicke im Geschäft sind? Ein Star. Goethe oben, Goethe unten, Goethe überall. Der offizielle Repräsentant unseres kulturellen Lebens – sind Sie, Herr Geheimrat.

Goethe wiehert

Goethe wiehert lautlos. Blechschmitt wundert sich sehr.
Wieso kommen Sie hier vorbei? Wieso ausgerechnet zu mir?
Goethe zieht die Schultern hoch.
Wissen Sie eigentlich, dass ich Heine als Lyriker höher einschätze als Sie?
Der Geheimrat hebt den Daumen seiner rechten Hand.
Und Büchner schrieb bessere Prosa.
Goethe nickt eifrig.
Nur reiten konnten Sie besser als beide zusammen.
Goethe lacht und wirft den Kopf in den Nacken. Dann verschwindet die Sonne hinter den Wolkenhaufen über dem Finanzamt, und Goethe ist weg. Und sein Schatten auch.

Jeremias Blaumilch

Mehr Blechschmitt… genieße das Abenteuer Familie!

 

 

 

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

Kommentar verfassen