Barnes, Julien: Vom Ende einer Geschichte

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Bild: pixabay.com/OpenClipartVectors

Wie ehrlich ist Erinnerung? Dieser Frage geht Julien Barnes in seinem Buch Vom Ende einer Geschichte nach.

Tony ist überzeugt davon, jetzt im Rentenalter, dass er damals in der Jugend alles richtig gemacht hat. Es war eine wunderbare Zeit, die er und seine drei Freunde erlebt hatten. Voll philosophischer Diskussionen, sexueller Energie, intellektueller Reibung mit den Lehrern.
Nun gut, Veronica, Tonys erste Freundin, hat schließlich Adrian bevorzugt, in der Erinnerung hat es Tony nichts ausgemacht, das Mädchen war sowieso ziemlich hysterisch gewesen. Er erinnert sich, dass er ihnen eine Glückwunschkarte in leicht sarkastischem Ton gesendet.
Nach der Schule verloren sich alle aus den Augen und eines Tages passiert etwas Unglaubliches: Adrian hat sich umgebracht.

Ein Leben im Rückblick

Tony hat ein braves Leben geführt, eine nette Frau gehabt, die sich von ihm scheiden ließ, eine Tochter gezeugt, die eine Perle ist. Er ist der Meinung, ein relativ gutes, vielleicht etwas langweiliges Dasein hinter sich zu haben. Dennoch ist er zufrieden. Dass Adrian, hätte er überlebt, ein viel spannenderes Leben gehabt hätte, allein, wenn man seine überragende Intelligenz bedenkt, gibt Tony durchaus zu. Und dann ist man in Stücken aus heiterem Himmel erhält Tony ein Anwaltsschreiben, dass Veronicas Mutter, die er ein einziges Mal getroffen hat, als er mit dem Mädchen zusammen war, verstorben sei und ihm etwas Geld und ein Dokument hinterlassen habe.

Schlingen der Vergangenheit

Tony nimmt Kontakt zu Veronica auf und die Schlingen der Vergangenheit ziehen sich zu. Alles ist völlig anders, als Tony ein Leben lang gedacht hatte. Weder ein Thriller noch ein Krimi ist das, was Julien Barnes uns hier vorsetzt. Aber das ganz normale Leben und die Erkenntnis, dass man in der Erinnerung immer besser gewesen scheint, als man tatsächlich war, beinhaltet mehr Suspense als jeder Serientäter-Plot. Es ist schier unglaublich, wie atemlos das Aufdröseln des Lebenspuzzles macht, wie sehr das ganz persönliche Erinnern aufgewühlt wird, während man dieses Buch liest. Literarisch und menschlich ist Barnes ein großer Wurf gelungen. Lesen Sie!

— Elsa Rieger —

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ....

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