Alfred Gulden, Ohnehaus – ein gescheiterter Roman

diary-147191_1280Einen ziemlich wirren Roman liefert Erfolgsautor Gulden mit seinem Ohnehaus ab. Schade. Was wir auszusetzen haben …

Schmutzige Träume fantasiert

Vor Lob und Ehre kann sich Alfred Gulden kaum mehr retten: 1983 erhielt der 1944 Geborene den deutsch-französischen Journalistenpreis, 1986 den Stefan-Ändres-Preis, sein Roman Ohnehaus, noch gar nicht fertig, kam 1989 auf den zweiten Platz bei den Kranichsteiner Literaturtage, und das Werk wurde zudem vom Därmstädter Literaturfonds gefördert.

Liebling der Kritik

Und das alles bei nur drei Romanen. Da sind die Erwartungen des Lesers hoch, wer würde nicht gerne das Buch eines solchen Olympiers der Moderne lesen? Die Enttäuschung aber, die der Lektüre folgt, ist umso größer. Guldens Hilflosigkeit, wirklich Neues zu sagen, entlarvt zu deutlich den maroden Zustand des Literaturbetriebs: Wenn der nicht mehr erkennt, wie simpel Ohnehaus gestrickt ist, wie sich die Unfähigkeit zu erzählen hinter Assoziations-Prosa duckt, dann wird jede Klage über die deutsche Literatur obsolet. Während Kritiker und Juroren um Talente aus der zweiten Reihe tanzen wie das Volk Israels ums goldene Kalb, schreiben die jungen Begabungen für die Schublade.

Groß und klein. Dick und dünn. Dein und mein.

Nichts ist einfacher in der Prosa als seitenlanges Brainstorming: »Ob unten. Hintern vom. Drunter drüber. Ab und an. Hin und wieder. Groß und klein. Dick und dünn. Dein und mein. Laut und leise. Ja und nein.« Das geht so weiter und das setzt sich lange fort. Ein Zweites braucht es, um den Kritikern feuchte Augen zu zaubern – die Sätze ein wenig zu verdrehen, damit niemand merkt, wie einfältig alles wäre ohne die etwas andere Diktion. Ein Beispiel? Ein Beispiel: „Hinter der Eingangstür aus Glas sitzt, eingesunken tief in einem Ledersessel, ein Mann. Den Kopf schief auf dem Sesselrand, die Brille abgerutscht, vorn auf der Nase, der Mund steht offen, schläft er.“ Formulieren Sie das alles mal in Deutsch und schon verlieren die beiden Sätze ihre Sensation.

Gulden strandet. Ohnehaus auch

Dergleichen entschlackt, wird Guldens Geschichte dünner als das Papier, auf dem sie steht: Ein Schriftsteller, wer sonst, einer, der nichts taugt fürs normale Leben und der bisher nichts fertig gebracht hat, bricht nach Frankreich auf, ein Buch zu schreiben. Er strandet in einer Hafenstadt, wohnt in einem schäbigen Haus und pinnt billige Tapeten an die Wände. Darauf schreibt er seine Beobachtungen und sein Erinnern an eine enge, katholische Jugend. Geweckt wird seine Rückbesinnung durch eine Kiste, in der er die Schätze seiner Jugend aufbewahrt. Ausgebrannt ist er, katastrophal haben sich seine Liebesgeschichten bisher gestaltet.Was ihm bleibt, ist die Phantasie, sind schmutzige Träume von gewaltsamem Sex.

Ein zweiter Grass?

Die Kritik will nun in Gulden einen zweiten Grass entdeckt haben; da hätte wahrscheinlich Gulden auch nichts dagegen einzuwenden, mit dem Großmeister der gedrechselten Prosa verglichen zu werden. Zu auffällig sind die inszenierten Parallelen; auch Günter Grass schrieb seinen ersten Roman, bettelarm damals noch, in Frankreich (Paris), auch er hatte die Wände seines Zimmers mit Konzepten für die Blechtrommel tapeziert.

Herbe Schmähung für Grass

Das war’s dann aber auch schon – Gulden mit Grass zu vergleichen, erscheint uns nun doch eine herbe Schmähung für den Autor der Danziger Trilogie und Träger des Literatur-Nobelpreises. Da mag sich die Kritik auf den Kopf stellen und mit dem Hintern wackeln wie sie will…

Alfred Gulden, Ohnehaus, Roman, München, Paul-List-Verlag; 163 Seiten, ISBN 978-3471776643.

Bruder Lustig

Bruder Lustig ist Journalist und Autor. Am liebsten schreibt er spinnerte Geschichten für kleine und große Kindsköpfe – früher Kinderbücher und Märchen, heute Schnurren und Satiren ….

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