Lichtblau

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Was lange währt, wird endlich gut: Xaver Leonhard Lichtblau, Autor des vielbeachteten Buches Liebe. Ficken. Tod legt in seinem aktuellen Buch Schnurren und Satiren vor. Das Buch ist nur auf den ersten Blick gefälliger. Beim zweiten zeigt es sich erstaunlich widerborstig.

Zwei Jahre lang hat Xaver Leonhard Lichtblau seine Schnurren und Satiren geordnet, überarbeitet, geordnet und neu geschrieben. Dann hat er noch einmal radikal 2/3 der Geschichten rausgeworfen und nur das wirklich Beste in seinem Buch gelassen. Leserinnen und Lesern unseres Blogs ist der Titel zum Teil vertraut: Osswalds Kosmos – alles wird besser. Osswalds Kosmos kennen sie, seit Lichtblau sich vor drei Jahren entschloss, die Lücke zu schließen, die Blaumilch hinterließ, als er seine Satiren einstellte.

Fremdes Terrain für Lichtblau

Für Lichtblau ein durchaus fremdes Terrain, wiewohl er seit Jahren als Autor arbeitet. Er hat sich in die Schnurren und Satiren mit einer erstaunlichen Hartnäckigkeit eingearbeitet. Und er ist besser und besser geworden. Gerade in den Geschichten des vergangenen Jahres hat er ein begeisterndes Niveau erreicht. Auch deshalb warf er so vieles Ältere wieder aus dem Buch; weil es nicht mehr zu dem erreichten Niveau passte.

Lichtblaus Schnurren und Satiren nehmen uns mit in die Welt von Osswald, einem sympathischen Verlierer. Sympathisch deshalb, weil er sein Scheitern mit Würde trägt und selbst darüber noch lachen kann. Kein Großmaul, kein Ellbogenmensch, kein erfolgreicher Durchsetzer – sondern einer, der ein großes Herz hat. Der mit denen fühlt, die abgerissen sind, die am Rande der Gesellschaft leben. Ihnen setzen diese Geschichten kleine Denkmale. Etwa der Luftgitarrenspieler, der mit Kinderwagen und Ghettoblaster auf Betteltour geht. Oder die alte Gauloisesraucherin, die sich sieben Brötchen mit Fleischkäse kauft und für ihren Sohn noch mal sieben.

Würde der Menschen gesehen

Lichtblau erkennt und ehrt die Würde dieser Menschen. Darin erinnern mich die Schnurren und Satiren stark an sein erstes Buch – doch das hatte einen anderen Ansatz. Es war härter, provokanter und versuchte, nach dem ersten Schock das Einvernehmen mit dem Leser herzustellen. Und seinen Helden eben auch so etwas wie Würde zu lassen. Ein schwieriger Versuch, der des Öfteren scheiterte.

Hier sehen wir die Außenseiter durch die Brille des Außenseiters Osswald. Und das ergibt eine reizvolle Spiegelung.

Alles in allem ein lohnendes Buch.

Lichtblau: Blonde again

Lichtblau

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Aus Xaver Leonhard Lichtblaus Zyklus

rage against the tide of madness

präsentieren wir heute das Gedicht:

let the world conquer you

bleach your hair
dim your brain
you have to be
blonde
again and again
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Schwarze Geschichten, die uns schaudern machen – das ist die Sammlung von Kurzgeschichten, die Lichtblau vorlegt. Sie sind zeitlos verzweifelt …  

Die Liebe und der Tod – war da noch was?

Mit seinen Schwarzen Geschichten Liebe. Ficken. Tod. haut uns Lichtblau um. Erstens, weil die Geschichten von einer Brutalität sind, die wir so kaum aushalten können. Es sind Arrangements der Lust – die jäh in Kälte umschlagen. In eisige Kälte. Wenn wir sie lesen, wandern uns langsam die Schauer den Rücken hinunter. Wir versuchen, der nackte Verzweiflung zu entkommen, dem Nichts auszuweichen. Irgend etwas ist stärker, zieht uns magisch in seinen Bann. Wir wundern uns, wie das ein Mensch aushalten kann. Wie jemand so etwas schreiben kann.

Wer ist Lichtblau?

Wer ist Lichtblau? Was ist das für ein leichter, heiterer, unbeschwerter Namen. Und was für eine Kälte ist um den Schreiberling? Uns erfasst ein Strudel der Leere und der Verzweiflung. Schwarze Schatten jagen uns, wir hören das Wolfsgeheul unserer Albträume.
Und dann lesen wir genauer; und sind verblüfft und fasziniert, wie kunstvoll, wie gelungen doch diese Geschichten sind. Wie sie meisterhaft gebaut sind, wie sie ihre ganze Verzweiflung in leisen Sätzen, die sich steigern, offenbaren; und wir schaudern wieder – weil die Sprache so sitzt. So schön ist. So treffend.

Lichtblau lässt uns fast verzweifeln

Wie kann man nur so brillant schreiben – und uns so verzweifelt zurück lassen? 
Was bleibt? Nur Kälte? Nur Verderben? Nun, es bleibt auch ein bacchantisches Lachen am Abgrund der Lust. Müssen wir Lichtblau ernst nehmen? Und ob. Und seine Geschichten? Sie setzen Maßstäbe. Aber, und das verwundert zunächst: Über sie dürfen wir auch einmal schmunzeln – sie stellen das Gefüge unserer Lust auf den Kopf. Lichtblau – das ist hohe Kunst in gut abgehangenen Geschichten. Sie zeigen die Kunst der Kurzgeschichte auf ganz hohem Niveau; ohne künstlich zu sein.

Ein Trost? Erotische Geschichten!

Vielleicht der, dass Lichtblau noch am Leben ist. Wer solche Kälte überlebt, wer eine derartige Leere aushält, der geht nur gestärkt aus der ganzen Sache heraus. Und das ist auch ein Trost für uns – die Geschichten können uns stark machen.
In Liebe. Ficken. Tod liegt die ganze Kälte der Welt
Lichtblau hat einmal gesagt, das er in seine Geschichten die ganze Kälte der Welt gepackt hat, um sie zu überleben. Was ist diese Welt doch für ein grauer, eiskalter Ort. Also haben die Geschichten Lichtblau geholfen, zu überleben. Und das ist ihm manchmal arg schwer gefallen; seit der Jugend quälten ihn Depressionen, die er erst im Laufe der Jahre in den Griff bekam, als er erkannte, was ihm fehlt. Aber er schaffte das.

Etwas Versöhntes mit dieser Welt?

Nun sollten wir nicht denken, Lichtblau litte nur an seiner Psyche – denn seine Psyche litt an der Welt.
Aber er hat, als tapferer Kerl, dem Leben auch seine schönen Seiten abgetrotzt. Das macht die Geschichten doch wieder erträglich. Und uns bleibt die Hoffnung, noch einiges mehr von diesem begabten Schriftsteller zu lesen. Vielleicht auch etwas Versöhntes mit dieser Welt.

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Für Lichtblau-Freaks … das Cover gibt es als Tasse
Lichtblaus Schwarze Erotik
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Wagst du es? Liest du sie?

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Lieben Sie Abenteuer? Da haben wir einen Tipp – für Mensch und Tier. Denn wer joggt, möchte ihnen nicht begegnen: Hunden. Viele sind harmlos, manche böse. Und die Dritten? Seltsam.

Auf der Suche nach den letzten Abenteuern dieser Welt reicht es schon, regelmäßig zu joggen. In den immer klei­ner werdenden Grünflächen tummelt sich alles – alte Leu­te, junge Leute und… Hun­de.

Lächeln. Immer lächeln …

Die freundlich verzerrten Gesichter der Jogger kom­men nicht etwa vom akuten Sauerstoffmangel im Hirn, sondern von vorauseilender Freundlichkeit; sollten Sie wieder einmal um die Ecke biegen und Bello steht da, mit aufgerichteten Ohren und ebensolchem Schweif. Meist ist Bello ein riesiger Schäferhund, im besten Al­ter, der freundlich die Zähne fletscht und zurückgrinst, und Frauchen ist Kilometer weit weg.

Kleine Kläffer

Manchmal heißt Bello aber auch Fiffi und ist ein kleiner, wilder Hund, der auf unseren Jogger zustürzt, mit aufgerissenem Maul, die Augen blutunterlaufen, den Atem stoßweise hechelnd. Ganz da hinten japst Frau­chen: „Der tut nix, der tut nix“. Ob Fiffi das auch weiß? Er schnappt jedenfalls zu, verfehlt aber das Bein. Welch ein Glück.

Wer haut da ab?

Gestern aber war alles anders: Ich keuchte gerade wieder den Weinberg hoch, da kam mir ein ausgewachsener Lang­haardackel entgegen. Der hob den Kopf und raste los. Aber nicht etwa in Richtung Jogger, sondern, wie von Furien gehetzt, den Hang wieder hoch, warf sich unter einen Busch, äugte einmal um die Ecke und raste dann links in den Feldweg hinein. Nur weg von dem keuchen­den Ungetüm auf zwei Bei­nen. Da konnte sein Herr­chen „Benjamin“ rufen so­lange er wollte. Es scherte ihn nicht. Der Jogger war einfach zuviel für Benjamin. Zuviel Abenteuer für einen kleinen Hund. So könnte es eigentlich im­mer sein mit den lieben Bel­los und Fiffis, findet

Bruder Lustig

Mehr Satire

Osswalds Kosmos – Wahnsinn des Schenkens

Bild: pixabay.com/OpenClipart-Vectors

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Huch, ist schon wieder Weihnachten? Müssen wir jetzt schenken? Oder kommen wir heuer mal drumherum? Die Osswalds haben so ihre Erfahrungen gemacht … Satire

Weihnachten und Osswald – das ist eine spezielle Geschichte. Spätestens, seit er, kaum 23 Jahre alt, an Weihnachten das alte Fräulein Hebestein tötete, hat er eine gespaltene Beziehung zum Fest. Dabei hatte er sie nicht töten wollen, er kannte sie nicht einmal. Alles, was er tat, war, in der Weihnachtskrippe im Wohnzimmer einer befreundeten Familie ein Holzschaf auf das Hinterteil eines anderen zu bocken – so, als bemühten sich die beiden darum, ein weiteres Holzschaf zu produzieren.

Fräulein Hebestein war, so lange man sie kannte, immer in Schwarz gegangen. Wahrscheinlich trug sie schon als Baby schwarze Kleidung. Sie mochte damals, als sich die beiden Holzschafe in innig licher Zuneigung fanden, 89 Jahre alt gewesen sein. Und das Fräulein war, ebenso lange, wie sie in Schwarz ging, eine glühende Katholikin gewesen. Sie war die zuverlässigste Quelle des Pfarrers, wenn es um die Verfehlungen seiner Schäfchen ging. Fräulein Hebestein schien in jeden Weinkeller und jedes Schlafzimmer kriechen zu können – so wusste alles. Wer mit wem. Wer ohne wen. Entsprechend beliebt war sie.

Auf der Ledercouch knutschen

Jung-Osswald kannte Fräulein Hebestein kaum. Vom Sehen natürlich, und irgendwann hatte seine Mutter auch etwas über das Fräulein erzählt. Aber Jung-Osswald hatte wieder mal nicht zugehört – wahrscheinlich ist das aber für den weiteren Verlauf unserer Geschichte belanglos. Man muss dem jungen Mann zugute halten, dass er damals in schlechte Kreise geraten war: Lehramtsstudenten, Krankenschwestern, Fabrikantensöhne. Sie tranken alle ein wenig zu viel und taten unsinniges Zeug. So kam Jung-Osswald die ausladende Weihnachtskrippe im Wohnzimmer des größten Fabrikanten am Ort gerade recht. Während die Krankenschwestern mit den Fabrikantensöhnen auf der Ledercouch knutschten und der Lehramtsstudent La Paloma auf einem zahnlosen Kamm blies,  stellte Jung-Osswald ungesehen die Holzschafe in die Empfängnis-Position.

Mit dem katholischen Chor

Wer’s dann sah, war anderntags Fräulein Hebestein, die mit dem katholischen Liederkranz Frisch Auf Cäcilia im Wohnzimmer des Fabrikanten singen ließ, während sie dirigierte. Sie sah den teuflischen Frevel in der heiligen Krippe, das sexualisierte Biest, das sich erhob, um die heilige Familie mit seinem Unflat zu beschmutzen. Das Fräulein spürte ein Stechen in der Brust, versuchte Halt zu finden am Weihnachtsbaum, riss ihn um, versuchte, Halt zu finden an der Weihnachtskrippe, riss sie um und schaffte es noch, unter beiden zum Liegen zu kommen.

Ein Herzinfarkt, diagnostizierte der Arzt, und keiner wusste, warum. Es war doch sonst so fidel, das Fräulein.

Kein Wunder, dass Osswald seither bei Weihnachten ein mulmiges Gefühl bekommt, nicht nur wegen des Konsumrausches. Volle Städte, Massen von Menschen, die hetzen, drängeln, rempeln, einen fast umrennen – weil sie unterwegs sind, um zu kaufen. Das ist schlimm genug. Schlimmer ist das Bild, des überaus katholischen Fräuleins Hebestein, das für Osswald über allem schwebte.

An Weihnachten nix schenken

Schauderhaft. Das bringt Osswald auf eine Idee. „Wie wäre es, wenn wir uns endlich mal nichts zu Weihnachten schenken?“, fragt er sein Weib.

„Wer? Wem?“

„Wir. Allen.“

„Neiiiiiin!“, begehrte seine Frau auf, „erinnere dich.“

Das tat Osswald dann auch. Es war alles schon einmal da. Es war alles furchtbar kompliziert, wie die Osswalds erfuhren. Ihre Familie liegt seitdem in Trümmern. Alles begann kurz nach Osswalds Hochzeit. Seine Frau stellte frustriert fest: »Ihr habt ja gar keine Geschenkkultur! Da bekommt man jedes Mal einen Käse geschenkt, unmöglich!« Osswalds Frau war schon immer sehr klar in ihren Ansichten und deutlich in ihrer Ansprache. Sie ist nicht von hier. Und weil Osswalds Frau lieber nichts bekommen wollte an Geschenken als unsinnigen Tand, beschlossen sie: Die Familie schenkt sich nichts mehr. Hätten sie’s nur gelassen.
Osswalds Mutter freute sich – angeblich – unbändig für den Beschluss: „Das wollte ich schon seit Jahren. Vielen Dank!“ In Wahrheit aber war sie entsetzt. Nichts. Schenken. An. Weihnachten! Sie gab es aber niemals zu. Osswalds Schwester lag ihm in langen, konspirativen Telefongesprächen in den Ohren: »Was hat denn deine Frau gegen mich?« »Nix«, versicherte ihr Bruder. Aber das glaubt Osswalds Schwesterchen bis heute nicht, die beiden Frauen meiden jeden überflüssigen Kontakt. Das Nicht-Schenken hielt genau ein Jahr. Dann fing der erste wieder an mit einer »ganz klitzekleinen Aufmerksamkeit, eigentlich ein Nichts«.

Ein Geschenk geht, ein Geschenk kommt

Schließlich kapitulierten auch die Osswalds. Und schenkten. Nur, um wieder das zu erleben, was sie schon zur Genüge kannten: Sie schenkten der Mutter ein Paket zum Fest, nach drei Jahren kam es zurück. Wie Osswald und sein Weib an dem Aufkleber auf dem Geschenkpapier sahen, war ihr Präsent inzwischen von der Mutter an die Schwester gegangen und von der im folgenden Jahr wieder der Mutter zurückgeschenkt worden. »Da wirste doch verrückt!« sagte Osswalds Frau.
»Können wir eigentlich den Eierlikör noch trinken, den du vor drei Jahren für meine Mutter gemacht hast und der heuer von meiner Schwester kam?«, wollte Osswald wissen.
»Um Gottes Willen!«
Und die Mutter? Muss wohl im geschenklosen Jahr eine leichte Delle davongetragen haben. Sie schenkt seitdem den Kindern der Osswalds jedes Jahr dasselbe: Lego- und Duplokästen in allen Variationen. Die einen für Kinder 1+, die anderen für 3+. So alt waren Atlas und Distel vor 15 Jahren, als das Geschenkedrama begann.
Tja, Osswald zieht sich in seine Werkstatt zurück. Vielleicht ist er an der verrohten Geschenkkultur in seiner Familie schuld. Das war die Rache des Fräulein Hebestein. Sicher.

Krüger

Mehr Lichtblau, mehr Satire

Bild. pixabay.com/Foundry Co

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Nichts für zarte Gemüter ist Leopoldo Azancots Roman »Verboten«. Wer ihn liest, der wird mitunter versucht sein, sich in einem Eierbecher voller Eiter zu ertränken. Ein scheußliches Gebräu ist dieses Buch – höchstens etwas für bevorzugte Feinde.

»Neue erotische Literatur« will der Frank­furter Verlag mit der Fliege in seiner neuen Reihe präsentieren; das eigentlich macht neugierig, ha­ben ja gerade wir Deutschen ein gequältes Verhältnis zur Erotik und zurerotischen Literatur allemal. Die Reihe »Neue erotische Literatur« vereinigt dann auch nur spanische Autoren und Autorinnen.

Kardinaler Purpur

Was sich aber so vollmundig ankündigt und schön gestaltet ist in kardinalem Purpur und Violett, das hält sein hohes Versprechen nicht. Leopold Azancot hat mit der kurzen Ge­schichte keinen Roman geschrieben und einen erotischen schon gar nicht. Sondern ein schauderhaftes Elaborat literarischer Verblasenheit. Und die Sprache ist auch eher dürftig.

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Die Story ist simpel: Ein junger Student und sein Freund werden von der Polizei verfolgt, ihr Auto erleidet Totalschaden und der Freund ein jähes Ende; der Student flieht. Und weil an einer Straßenecke gerade eine junge Hure herumsteht, tarnt sich der Ver­folgte mit ihr und folgt ihr nach Hause. Beide erzählen sich ihre Geschichte, in etlichen neuen Anläufen. Er wird als Terrorist ge­sucht, und der so Ausgestoßene ergeht sich in Rhapsodien auf die verrottete spanische Ge­sellschaft.

Verrottete Gesellschaft

Sie ist eigentlich als Junge geboren worden, fühlte sich aber immer als Mädchen und als Frau. Nun, nach einer Hormonbe­handlung, ist sie Transvestitin, die ihr Geld auf dem Strich verdient – die doppelte Ver­werflichkeit stößt auch sie gründlich aus der Gesellschaft aus. Beide sind sich fremd, kom­men sich näher, wenigstens wächst ihr Begeh­ren. Sie aber fühlt sich von ihm nicht als Frau akzeptiert; als sie ihn tuntig in Frauenklei­dern überrascht, ist das Maß ihrer Demüti­gung voll: sie vergewaltigt ihn und verrät ihn an die Polizei.

Nein, keine Angst, die Geschichte ist jetzt aus. Es reicht ja auch …

Ein »Roman«, den man wirklich und wahr­haftig nur seinen bevorzugten Feinden schen­ken sollte.

Alles Liebe – Lichtblau !

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Bild: pixabay.com/Alexandra / München

Ohne Bart wird’s hart – das haben wir immer schon geahnt. In dieser Satire bemühen wir zudem eine ziemlich historische Persönlichkeit.

Sie geht eher beiläufig an ihm vorbei, blickt ihn flüchtig an – und erstarrt. Frau Osswald stiert lange Sekunden auf das Kinn ihres Gatten; so, als habe sie dort etwas entdeckt, was sie bisher nicht sah. Oder kannte.

Es ist Osswalds Bart, den er schon seit Wochen trägt. Aber vielleicht hat sie jetzt, im Urlaub, mehr Zeit hat, ihren Gatten zu betrachten. Er ist stolz, sein Gesichtskraut so lange versteckt zu haben. Doch dessen dessen Tage sind gezählt. Das sieht er am Blick seiner Gattin. Und gleich kommt es auch: „Mach den Bart ab!“ herrscht sie ihn an. Wenn’s soweit ist, endet der gemeinsame Weg von Mann und Bart, und alle Hoffnung stirbt. Nach der Hoffnung stirbt der Bart.

Zwei Tage hält Osswald durch

Zwei Tage hält Oswald noch heldenhaft durch. Zwei Tage, in denen ihn seine Gattin mit bitterbösen Blicken verfolgt; und jede Stunde einmal sagt: „Bart ab!“

Plötzlich wird sie zuckersüß. „Schatzi, lass mich doch mal deine Haare schneiden.“ Gut, sie sind etwas sehr lang, und normalerweise wäre Osswald seiner Gattin dankbar für das Angebot. Aber er weiß, was dabei passieren wird. Und hier kommt es schon: „Dann kann ich auch deinen Bart wegmachen.“

Selbst, wenn er sich weigerte, seine Kinnbehaarung zu opfern – seine Gattin würde sicher, gaaanz aus Versehen, beim Haareschneiden mit der Schere abrutschen. Und seinen Bart meucheln.

So verzichtet Osswald schweren Herzens auf seinen Haarschnitt; und beschließt, seinen Bart eigenhändig zu ermorden.

Der Kaiser erscheint im Traum

Der Gedanke ist schwer zu ertragen. In der Nacht vor seiner Gräueltat erscheint ihm Kaiser Barbarossa im Traum. Mit wallend rotem Bart. So wallend war er beim ollen Kaiser zu Lebzeiten nie. „Mach den Bart ab!“, donnert ihn Barbarossa an und funkelt eindrucksvoll mit den Augen.

„Und du? Hast doch auch einen Bart“,  protestiert Osswald.

„Ich bin der Kaiser!“

„Meiner nicht.“

„Doch, auch deiner. Ich bin der Kaiser aller Reußen.“

„Und Ösen.“

„Ösen? Kenn ich nicht. Ein neuer Volksstamm?“

„Ja, und alle mit Bart. Sogar die Frauen“, stänkert Osswald im Traum.

„Bart ab!“, donnert der Kaiser.

„Aber wieso?“

„Das geht dich gar nichts an. Ich bin der Kaiser. Und mein Wort ist Gesetz.“

„Nix Wort, nix Gesetz“, nuschelt Osswald und dreht sich auf die andere Seite.

Da hört er das Rattern eines alten Wählscheibentelefons, das die gewählten Nummern sucht. Dann das Tuuuuten, schließlich das Knacken, als der Hörer abgenommen wird.

„Ja, hier spricht der Kaiser.“

Eine Frauenstimme: „Barba, wo bist du?“

„Ich bin in Höhle sieben.“

„Aha, dachte ich es mir. Mittagessen ist fertig. Und anschließend scheren wir deinen Bart.“

„Ich habe es befürchtet“, antwortet der Kaiser und legt auf.

Bart scheren?

„Du scherst deinen Bart? Du, Barbarossa!“

„Natürlich. Ich komme nicht mehr aus dem Kyffhäuser heraus, der Eingang der Höhle ist zu schmal. Und mein Bart zu dick.“

„Da hast du ja mächtig was zu scheren“, bemitleidet ihn Osswald.  

„Das kannst du laut sagen, Milchgesicht“, antwortet der Kaiser, „vor allem, weil wir hier nur Feuersteine haben. Hast du dir schon mal mit einem Feuerstein den Bart rasiert?“

„Nicht unbedingt.“

„Sei froh.“

„Na dann, gut kratz!“

„Sehr witzig.“

„Und wenn du genug von deinem Bart abgeschabt hast, kletterst du aus dem Kyffhäuser? Und dann?“

„Jawoll! Dann befreie ich Germanien. Einer muss es ja tun.“

„Da hast du recht. Schlimmer als die augenblicklichen Germanien-Beglücker wirst du auch nicht sein.“

„Aber hallo!“, schmettert der Kaiser. „Ich bin der Kaiser!“ Mit einem Plöpp verschwindet das Traum-Bild. Osswald dreht sich auf die andere Seite. Verrückter Traum, denkt er. Kaiser Barbarossa mit wallend rotem Bart, der sich die Pracht mit einem Feuerstein abschabt. Wieder macht es Plöpp, der Kaiser ist zurück.

„Weißt du eigentlich, warum ich am 10. Juni 1190 im Fluss Saleph ertrunken bin?“

„Du konntest nicht schwimmen?“

„Natürlich konnte ich schwimmen, du Weißbrot! Ich bin gegen Polen gezogen, ich bin sechs Mal gegen Italien gezogen, ich habe Heinrich den Löwen gestürzt.“

„Alleine? Und dann die ganzen Kreuzzüge.“

„Eben. Ich bin der Kaiser, was denkst du, wie viele Flüsse ich in meinem Leben durchquert habe. Ich bin der Kaiser und ich bleibe der Kaiser. Und ich kann schwimmen.“

Wieder das Plöpp, der Kaiser ist weg.

Der Kaiser ist weg

Gleich plöppt es erneut, der Kaiser ist zurück: „Nein, ich hatte einen riesigen Bart, weil ich nicht zum Rasieren kam auf diesem Kreuzzug. Und was geschah? Der verfluchte Bart sog sich voller Wasser, zog mich auf den Grund des Flusses und ersäufte mich. Mich, den Kaiser!“

Plöpp.

Plöpp.

„Rasiere dich, du Weichfrosch!“

Plöpp.

Plöpp.

„Lieber Zartbitter als Bartzitter!“

Plöpp.

Osswald hat zwei Gründe

Jetzt hatte Osswald schon zwei Gründe, sich zu rasieren. Seine Frau. Und den Kaiser. Wobei er nicht wusste, wer mächtiger war. Osswald ist einigermaßen weichgekocht, als er an diesem Morgen aufsteht. So hat seine Frau ein leichtes Spiel. „Ja“, antwortet zu ihrem Erstaunen ihr Gatte, als sie sagt: „Ossi, komm, ich rasier‘ dich jetzt!“

Sie tun es auf der Terrasse. Frau Osswald nimmt die Schere dazu. Das ist ziemlich grob, ein Stoppelwald bleibt stehen – aber Osswald ist das gerade recht. Da kann er sich langsam entwöhnen – und jeder Versuch seiner Gattin, ihn zum Glattrasieren zu ermuntern, verliert sich im Stoppelgeflecht seines Gesichts. Das bekommt er nämlich nicht mit dem trockenen Nassrasierer weg; behauptet er. Trotz der Resthaare fühlt er sich seltsam schwach.

Als er mit den Hunden zum Deich wankt, knickt er ein paar Mal mit seinen Beinen ein. Am blaugewischten Himmel segeln weiße Wolken, die Hunde tollen und kacken, und Osswald packt die Bollen in die Tüten und strebt auf die Abfalltonne zu, die an der Abzweigung steht.

Alter Bauer mit Barbarossa-Bart

Und aus dieser Abzweigung, einem Feldweg, setzt jetzt rückwärts ein Anhänger, beladen mit Holz. Davor hängt ein Mercedes, an dessen Lenkrad ein ganz alter Bauer kauert. Mit mächtigem rotem Barbarossa-Bart. Osswald schätzt ihn auf 87. Der Bauer lenkt, der Mercedes zieht nach links, der Anhänger zieht nach rechts, der Bauer lenkt, der Anhänger zieht nach links. Linksrechtslinksrechts, wie ein Hundeschwanz wedelt der Anhänger.

Und Osswald weicht aus, einmal nach rechts, einmal nach links. Endlich ist er an Anhänger und Mercedes vorbei. “Rasier’ dich!”, keift der Bauer durchs offene Seitenfenster. Mit Schwung befördert Osswald die beiden Hundekackbeutel in die Abfalltonne. Auf dem Rückweg sieht er einen überdimensionierten Kackbollen auf der Wiese. Er ist breitgetreten. Osswald grinst und geht weiter. Er achtet darauf, dass sich die Hunde nicht in dem leckeren Haufen wälzen.

Erst ein paar Schritte weiter dämmert es ihm, er selbst könnte in den Haufen gelatscht sein. Osswald bleibt stehen, hebt den linken Fuß: nichts. Er hebt den rechten Fuß: Scheiße. Sehr viel Scheiße.

Kurz darauf steht Osswald auf der Terrasse und spritzt mit dem Schlauch seinen Schuh ab – in die Rosen. Denen kann ein wenig Dünger nicht schaden, denkt er sich.

„Was machst du da?“, fragt ihn seine Frau, als sie ihn entdeckt.

„Ich entferne das Pech von meinem Schuh.“

„Pech?“

„Ja, Pech. Das mir an den Schuhen klebt, seit du meinen Bart ermordet hast.“

Frau Osswald lacht glockenhell.

„Dein Pech riecht aber eher nach Scheiße“, sagt sie und geht ins Haus.

„Pech, Scheiße“, knurrt Osswald, „ist das nicht dasselbe?“

Frau Seidenstrumpf gurrt

Als er nach dem Urlaub wieder am Schreibtisch sitzt und arbeitet, ruft ihn Frau Seidenstrumpf an. Frau Seidenstrumpf ist eine schöne Frau, die schon einmal bei ihm volontierte.

„Sie haben jetzt einen Bart“, gurrt sie in den Hörer, „ich habe Ihr Bild in der Zeitung gesehen.“

„Äh, hatte. Jetzt ist er ab.“

„Oh, schade.“

„Ja, äh, meine Frau konnte ihn nicht mehr ertragen. Sie sagte, der Bart kratzt.“

„Aber das ist doch schön!“, ruft Frau Seidenstrumpf. „Ein Bart muss kratzen. Auf allen Lippen!“

„Äh.“

„Wenn Sie wieder einen Bart haben, können Sie sich ja mal melden, Herr Osswald. Auf Wiedersehen.“

Lieber Bartzitter als Zartbitter!

Lichtblau

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Mehr Satire gibt es in Lichtblaus neustem Buch …

Osswalds Kosmos: Wie lange machst du Pipi?

Wie lange machte ein Hund Pipi?

Bild: pixabay.com/PETR CHÁN

Osswald ist froh, dass er kein Forscher ist – sonst würde er auch so einen ausgemachten Käse erforschen wie die Frage, wie lange manche Tiere pinkeln. Außerdem ist das Ergebnis grottenfalsch – Osswalds Hund Hans Albers pinkelt viel länger. Wenn er will…

Satire

„Es gibt ein Gesetz des Pinkelns: Ob Elefant, Kuh, Ziege oder Katze – beim Urinieren sind sie alle gleich. Das Wasserlassen dauert bei allen rund 21 Sekunden, wie Forscher im Zoo Atlanta beobachtet haben.“ Das meldet der Spiegel in seiner online-Ausgabe.

Keine Ahnung vom Pipi, diese Forscher

Prima, denkt sich Osswald. Da kennen die Herren (oder Damen) Forscher seine Hunde Heinz Rühmann und Hans Albers nicht. Gut, Heinz Rühmann könnte sich in etwa daran halten. Aber nur, wenn er schlicht und ergreifend Wasser lassen muss. Markiert er sich seine Route einen Spaziergang entlang, wird der Strahl immer kürzer (bis zum Vertröpfeln). Und die Zeit wird es auch. Von wegen 21 Sekunden. Pustekuchen.

Da sieht man wieder mal, mit welchen eigentümlichen Forschungsobjekten sich manche Leute beschäftigen; und zu welch ausgesucht dünnen Ergebnissen sie kommen.

21 Sekunden, wiiiiieher!

Pipi pur

Und Hans Albers stellt den dämlichen Durchschnitt gänzlich auf den Kopf. Wenn der eine volle Blase hat, entleert er sich 41 Sekunden und länger. Pipi pur, sozusagen.

Aber manchmal, wenn es gut riecht, und Hund auf dem Weg hin- und herschnüffeln muss, muss alles andere warten; auch das Pieseln. Dann hat Osswald die A.-Karte gezogen. Dann scharwenzelt er mit den Hunden hin und her und sagt alle 21 Sekunden: „Mach Pipi, Hans Albers!“ „Los, Pippi, Heinz Rühmann!“ Die Nachbarn grinsen schon, das hat Osswald deutlich gesehen, obwohl sie schnell den Vorhang zwischen sich und das Fenster brachten.

Doch es hilft nichts. Der abendliche Gang zum Wässern der Hunde muss sein. Osswald tröstet sich nur darin, dass andere auch ein übles Los haben – Forscher zum Beispiel, die so etwas in die Welt setzen wie die 21 Sekunden Strull-Länge.

Pah!

Lichtblau

Mehr Satire

Osswalds Kosmos: Kinder oder Smartphones

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Bild: pixabay.com/Alexas_Fotos (Alexandra aus München)

Osswald ist kein Technikfeind. Aber die Exzesse der modernen Welt rund um das Wischeisen (Smartphone) gehen ihm mächtig auf die Nerven.

Osswald hat einen Traum. Immer wieder. Immer wieder tappt einer der Wischeisen (Smartphone) streichelnden Technikjunkies, vertieft ins Schreiben einer schmalen Textbotschaft, auf die Fahrbahn. Wisch. Und weg. An dieser Stelle war leider ein Bus unterwegs und der war ein bisschen stärker. Und wieder gibt es einen Wischenden weniger. Osswald wacht regelmäßig entnervt auf. Er mag den wischenden Mob zwar nicht, aber ein solches Ende muss er ihnen trotzdem nicht an den Hals träumen. Vor allem, weil es eine ordentliche Sauerei gibt im Traum.

Vater wischt Smartphone. Und die Jugend?

Kommen wir zu etwas völlig anderem – der wischenden Jugend. Die hat es wirklich nicht leicht. Behangen mit Markenklamotten, vollgestopft mit Äußerlichkeiten, gesegnet mit ihrem Wischeisen (Smartphone).  Die jungen Leute sind förmlich hypnotisiert von ihren Smartphones. So sehr, dass sie fortwährend auf das Display starren, darüber wischen und nicht bemerken, was um sie herum geschieht. Egal, ob da nun ein Lastwagen auf der Straße donnert, man dappt einfach weiter (der Traum!). Gut, lassen wir die Horrorszenarien, kommen wir zu etwas viel Schlimmerem. Den Männern und Vätern. Vor ein paar Tagen war Osswald beim Optiker seiner Wahl und musste kurz warten. Am anderen Tisch eine sehr rothaarige Tochter von etwa 15 Jahren. Und ihr Vater. Die Tochter bekam eine Brille, der Vater wischte. Brummte ein paar Mal kurz, wenn die Optikerin ihn direkt ansprach, schaute aber nie vom Phone auf.
Das Ergebnis: Die Tochter suchte sich eine sehr dominante, qietschgrüne Brille zu ihrem flammend roten Haar aus. Modisch der letzte Schrei.

Quietschgrüne Brille, flammend rotes Haar

Nein, nicht der letzte. Der wird der Mutter entfahren, wenn der wischende Vater und die Tochter mit der quietschenden Brille vor ihr stehen. Da sieht man wieder mal, dass Männer zu nichts taugen, wenn sie ein Spielzeug in der Hand haben. Sie können sich eben nur auf eines konzentrieren. Frauen sind da anders, ihre beiden Hirnhälften haben sich im Laufe der Zeit voneinander emanzipiert. Sie können jetzt alles auf einmal: Baby füttern, kochen, telefonieren, Kühlschrank putzen, beruflich erfolgreich sein. Wir können das einfach nicht; also sollten wir die Wisch-und-weg-Teile aus der Hand legen. Aus. Vorbei. Die Evolution hat uns nicht dafür gemacht.
Stellen wir uns nur mal vor, wir Technikjunkies würden mit unseren Kindern zum Friseur gehen. Was da wohl rauskäme? Oder zum Elternsprechtag – wir kämen nach Hause, und die Tochter wäre nicht mehr auf dem Gymnasium, sondern auf der Hauptschule! Nein, nein, so geht das nicht. Wir müssen uns entscheiden: Kind oder Smartphone …

Lichtblau

Mehr Satire …

Osswalds Kosmos: Coming out – Schnurre

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Foto: klk

Jeder Markt eröffnet Möglichkeiten und bringt zusammen, was zusammengehört. Auch ein Supermarkt. Manchmal aber will es einfach nicht klappen.

Der alte Herr mag 76 Jahre alt sein, vielleicht auch 80. Aber er ist schlank, und bewegt sich geschmeidig. Der Flaschenrückgabeautomaten bedient er mit sicherer Hand, seine Bewegungen sind fließend. Die leeren Plastikflaschen verschwinden wie am Fließband im Schlund des Automaten.

Frau schwebt herein

Da gleiten die beiden Flügel der Glastüre auseinander, und eine Frau weht herein. Auch sie mag um die 80 Jahre alt sein, trägt ihr Haar sorgsam frisiert, dazu eine Perlenkette auf der Kostümjacke. Ihre blauen Augen blitzen lebenslustig in ihrem Gesicht.

Sie lächelt bezaubernd und ein wenig verzückt. Sie hat ein Ziel: den Herrn am Automaten. Dem legt sie ihre Hand auf die Schulter – leicht, elegant, schwebend. Und dennoch fährt der alte Mann herum, starrt sie für einen Herzschlag lang an, sagt dann laut: „Bitte? Oh nein, ich stehe nicht auf Frauen. Ich stehe auf Männer!“ Es ist, als gefriere die Luft um die beiden. Umstehende erstarren, gaffen hinüber, schauen gequält. Die Männer ducken sich langsam weg.

Männer ducken sich weg beim Coming out

Wir schreiben das Jahr 2015 … aber so laut, so direkt von einem so alten Mann; das gehört sich nicht. Sich nicht. Sich nicht.

Die alte Dame zuckt zurück, als habe ihre vornehme Hand etwas glühend Heißes berührt, murmelt etwas von Borofkys (eine Kneipe) und Verwechslung und vielmals Verzeihung und geht. Weit kommt sie nicht, die Glastüre stoppt sie. Die Flügel bleiben geschlossen, sie prallt dagegen.

Für einen Moment steht sie benommen da, dann kommt ihr Osswald zur Hilfe und fragt, ob sie in Ordnung sei (ja, danke) und öffnet ihr die Türe.

Sie schwebt davon, stolz, aufrecht und sieht sich kein einziges Mal mehr um.

 

Eine Satire aus der Serie Osswalds Kosmos von Lichtblau

 

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